Julia - Einmal Neuanfang bitte!

Von Angst bis Tunnelspiel

19.06.23
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Shownotes

Von Angst bis Tunnelspiel

Ich habe Besuch von Julia bekommen und wir haben geredet.

Ca. 30, sub und wieder war der Weg zum Kink nicht ganz so leicht. Schwupps, steckt man in einer Kink-Freien Beziehung und die Lebenspläne des Partners sind ganz klar: Heiraten, Haus in der Einöde, Garten, Kinder, Rente und Dynastie und Deckel drauf. Nein, so hat Julia das nicht gesagt, ich übertreibe natürlich. - Ein Tunnelspiel ist das so oder so und ja, auch darüber sprechen wir. Wie "der Nachbar" den entscheidenden Schubs gegeben hat, erfahrt ihr in dieser Folge. Außerdem sprechen wir ausführlich über generalisierte Angststörung. - Die ist überwindbar & muss kein Hindernis für BDSM sein. - Allerdings sind nicht alle TherapeutInnen Kink-Aware. Wie man damit umgeht und das löst, auch das erfahrt ihr in dieser Folge.

Kapitelmarken

00:00:00
Intro
00:00:38
Einleitung
00:02:45
Begrüßung
00:03:46
Heute
00:06:15
Hallo BDSM
00:07:12
Buch: Sakrileg
00:11:58
Kein BDSM - Keine Lust
00:17:55
Die SMJG verpasst
00:20:27
Nicht getraut es anzusprechen
00:23:48
Die bürgerliche Lebensplanung
00:31:13
Der Nachbar
00:36:38
Moral und brav sein
00:38:55
Beziehungen ordnen
00:45:58
Erstausstattung shoppen
00:52:13
Die erste Session
00:54:25
Das soll mehr werden
00:57:03
Der strenge / Kinky-Tag
00:59:39
Erniedrigung und Scham
01:03:23
How to start...
01:05:11
Zu viel ist zu viel
01:08:27
D/S von Bestrafung bis 24/7
01:12:39
Ausstieg und Afteracre
01:17:23
Knebel
01:19:03
Thema: Angststörungen
01:25:28
Angst vor der Angst
01:29:31
Der Weg zur Therapie
01:31:01
Ist BDSM Thema in der Therapie?
01:41:05
Angst und BDSM: Tabu oder Kink?
01:43:45
Tunnelspiele
01:44:09
Das Ding der Woche 1: Minzöl
01:50:52
Brennnesseln
01:53:28
Das Ding der Woche: Spielwürfel
01:54:16
Die Hakenleiste im Schlafzimmer
01:56:31
Das Ding der Woche: Das Schnittdiagramm Holy-Triniti
02:00:08
Nieder mit dem Patriachat: Feminismus
02:03:03
Für ihn zuliebe ja sagen
02:07:54
Zukunft: Party und Stammtische
02:12:03
Shorts
02:22:02
Vertrauenschallenge
02:23:56
Verabschiedung
Das Transcript wurde von TyrionSmile bearbeitet. - Vielen Dank!
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Sebastian Hallo und herzlich willkommen zu Folge 95 der Kunst der Unvernunft. Mein Name ist Sebastian Stix und hier sprechen Menschen über BDSM. Was erleben sie, was ist ihre Motivation und ganz schlicht, was macht sie glücklich? Julia aus Hamburg hat mich besucht und wir haben geredet. Sie ist etwa 30 Jahre alt, Sub. Und ja, so einfach war ihr Weg zum Kink dann nicht. Schwupps steckt man in einer garantiert kinkfreien Beziehung und die Lebenspläne des Partners sind ja dann doch klarer als man gedacht hat. Heiraten, Haus in der Einöde, Garten, Kinder, Rente, Dynastie, Deckel drauf und Erde drüber. Gut, so hat Julia das jetzt nicht gesagt, ich übertreibe ein wenig, aber es läuft schon sehr darauf hinaus. Wie ihr Nachbar sie mit dem entscheidenden Schubs ein wenig gerettet hat, erfahrt ihr in dieser Folge. Und außerdem sprechen wir über das Thema generalisierte Angststörung. Die ist durchaus überwindbar und muss kein Hindernis für BDSM sein. Ja, wenn der oder die Therapeutin denn damit klarkommt und das einordnen kann. Das ist nicht immer so. Und wie man damit umgeht, erzählt euch Julia gleich. Ja, und wie ich merke, habe ich mal wieder eigentlich schon wieder die halbe Folge verraten. Nein, habe ich nicht. Da gibt es noch so viel mehr. Besucht gerne die Podcast-Werbseite "kunstderunvernunft.de". Und hinterlasst dort euer Feedback. Das finden meine GästInnen toll, das finde ich toll, auch wenn es mal ein bisschen kritisch ist. Kritik gehört auch dazu, wenn ihr etwas anders seht oder auch etwas zu ergänzen habt, immer her damit. Das könnt ihr auf Wunsch auch ganz anonym tun und ich gebe zu, das ist auch gar nicht so schlecht für Google, weil Google natürlich solche Meinungen und Feedback nochmal ganz anders honoriert, als alles was ich auf der Seite schreiben könnte. Und jetzt fangen wir einfach an. Los geht's mit Folge 95 mit Julia. Liebes Publikum, es ist wunderschönes Wetter, die Vögel zwitschern. Und deshalb habe ich mich reingesetzt, wo nichts mehr zwitschert, und habe Besuch bekommen von Julia.
Julia Hallo.
Sebastian Ja, ich erzähle ein bisschen was zu dir. 32 Jahre aus Hamburg und Sub ist nicht ganz falsch.
Julia Das ist korrekt, ja.
Sebastian Ja, hallo.
Julia Hallo.
Sebastian Ja, du bist hier angekommen, auch wieder mit der Bahn. Das hat halbwegs okay geklappt. Ich bin begeistert. Es gibt einen Ruf da.
Julia Ja, wirklich. War gut.
Sebastian Und ja, wir sprechen heute über alles mögliche. Ich habe eine sehr lange Liste tatsächlich. Die fängt quasi mit 15 an und geht bis heute. Und ja, es geht halt ganz viel um BDSM und auch um Nicht-BDSM, wenn ich das richtig sehe. Es gibt Dinge der Woche und das teaser ich jetzt schon mal fürs Publikum. Wir werden über das Thema Angststörung sprechen. Ja, wollen wir einfach mal anfangen?
Julia Ja, gerne.
Sebastian Okay, fangen wir erstmal mit den aktuellen Lebensverhältnissen an. Kannst du BDSM leben?
Julia Ja, ich bin in einer Partnerschaft und lebe mit meinem Partner zusammen in Hamburg. Und wir leben BDSM aus, jetzt nicht in einer 24-7 Beziehung oder so, aber doch regelmäßig würde ich sagen. Also wir haben da schon ein Machtgefälle, machen Sessions und genau, er ist der dominante Part und ich fühle mich ganz wohl unten.
Sebastian Ich sehe schon um deinen Hals baumelt auch ein Kettchen.
Julia Ja, richtig.
Sebastian In Gold mit einem ganz kleinen Ring, aber er ist als O-Ring erkennbar.
Julia Richtig. Den habe ich mir selber zu meinem 30. Geburtstag geschenkt als Zeichen dafür, dass ich zu meiner Sexualität stehe und das auslebe.
Sebastian Du wohnst ja nun mal auch in der Metropole, wo man da unfassbar viel erleben kann. Ja, das heißt eigentlich, ich unterstelle das ja allen Hamburgern immer, jeden Tag irgendeinen Stammtisch, jedes Wochenende zwei bis drei Partys und Clubbesuche und ich weiß nicht was.
Julia Ja, da muss ich dich enttäuschen. Ich bin noch auf keinem einzigen Stammtisch gewesen und auch Partys standen noch nicht auf meiner Liste. Stehen es aber für die Zukunft. Also ich möchte unglaublich gerne mal auf eine Party. Ich würde sagen, wir tasten uns da aber gerade noch ran. Also ich war jetzt schon mehrmals auf der "Passion", fand das sehr schön. Wir haben letztes Jahr im November einen Bondage-Kurs bei Matthias Grimme gemacht. Das war eine wahnsinnig schöne Erfahrung und suchen uns da so ein bisschen die Sachen, die uns ansprechen. Wollen auch unbedingt mal auf den Tüddel-Treff im Catonium gehen. Genau, also solche Dinge.
Sebastian Okay, also eigentlich genau der richtige Moment für unser Gespräch, weil das gerade noch so ein Moment ist, wo ihr gerade auch anfangt, dann auch nach draußen zu gehen und zu entdecken. Und ich finde das total schön, dass du hier bist, denn wir haben unser Vorgespräch, ich glaube vor über einem Jahr gehabt, unser erstes.
Julia Ja, das kommt gut hin, glaube ich.
Sebastian Davor hast du mich auch, glaube ich, hartnäckig angeschrieben und ich habe ewig zum Antworten gebraucht und dann hier und da, da bin ich ja momentan nicht besonders zuverlässig, muss ich gestehen, aber du hast durchgehalten.
Julia Ja.
Sebastian Das ist toll und ich glaube, wir gehen einfach mal ein bisschen zurück. Ja, wann hat, was hab ich neulich gelesen, ich hab ne schöne Formulierung neulich gehabt, und dann stieg ein Englein herab und hat gesagt, du magst BDSM und ab dann war die Erkenntnis da, so einfach kann es sein. Ich weiß leider nicht von wem das ist, ich kann es nicht ordentlich zitieren, wenn ich es rauskriege schreibe ich es in die Show Notes, die solltet ihr eh angucken, liebes Publikum, aber wurde dir gesagt BDSM ist super oder du hast es dann ganz früh rausgekriegt und dann war alles klar und einfach?
Julia Nee, leider nicht ganz so. Ich würde sagen, dass das ein Teil von mir ist oder dass ich solche Dinge mag, war mir schon recht früh klar. Also ich glaube, meine ersten sexuellen Fantasien, wenn man das so nennen kann, hatten schon immer so einen Charakter, dass ich mir vorgestellt habe, wie jemand mich dominiert. Ich weiß auch, dass ich damals so in Büchern, Ich habe von meiner Mama irgendwie im Urlaub mal ein Buch gelesen und es war ein ganz anderes Buch, aber es ging um eine Szene dann und ich hatte keine Ahnung, vielleicht war das dieser Engel-Moment, weil ich blätterte das Buch einfach so auf irgendeiner Seite auf und in dieser Szene stand, wie ein Mann eine Frau ans Bett fesselt und dann mit ihr Sex hat. Und ich weiß noch, dass mich das damals unglaublich gefesselt hat und ich diese Stelle bestimmt zehnmal gelesen habe und meine Mama meinte, du kannst dir das Buch auch ausleihen, wenn du das spannend findest. Ich glaube, sie dachte, dass ich es wegen anderen Dingen spannend finde, aber ja.
Sebastian Weißt du noch, welches Buch das ist?
Julia Ich glaube tatsächlich und das ist eigentlich ziemlich makaber, weil es müsste so ein Dan Brown Roman gewesen sein. Und ich glaube, dass tatsächlich am Ende dieser Sexszene der Mann die Frau sogar ermordet. Also, das... Keine Ahnung, ob man das hier so sagen darf, aber ich glaube es war Sakrileg oder so.
Sebastian Du darfst mir sagen, ja, ganz ehrlich, das ist ja Popkultur, ne.
Julia Genau, also das war dann nicht das, was mich gereizt hat und ich glaube das passierte auch später, aber es war diese Eingangsszene, wo er beschrieb, wie er da hingeht, diese Frau liegt schon gefesselt auf dem Bett, er fängt an ihren nackten Körper zu streicheln und das hat irgendwie wahnsinnig was in mir ausgelöst.
Sebastian Ich gebe ehrlich zu, ich bin ja auch so ein Sci-Fi-Dystopie-Thriller-Konsument und manchmal hat man da unfassbar krasse Sex-Szenen drin, die dann auch noch, wenn ich es als Hörbuch höre, von sehr guten Sprechern eingesprochen werden. Man darf das nur nicht erzählen, weil das ist dann so, jaja, das ist dann so ein bisschen aus dem Zusammenhang, dann klingt das so grausam und man müsste sich dafür schämen, dass das irgendwie was in einem ausgelöst hat, aber egal. Hast du das ganze Buch dann irgendwann gelesen oder wie bist du bei den paar Seiten?
Julia Ich bin ein großer Dan Brown Fan geworden, vielleicht deshalb, ich fand es auch so einfach wahnsinnig spannend, wie er schreibt, also ja.
Sebastian Ich kann also an die Folge schreiben, Dan Brown hat dich zu BDSM gebracht.
Julia Genau das, ja.
Sebastian Okay, aber du hast die Szene gelesen, was für ein Urlaub war das, also wie alt warst du da grob?
Julia Boah, ich müsste da schon... Wann kam denn Sakrileg raus? Also das müsste man vielleicht mal recherchieren, weil ich weiß, dass meine Eltern, die beide sehr viel lesen, diese Bücher immer relativ früh hatten. Und zu dem Zeitpunkt habe ich das gelesen. Das war so eine dieser Momente aus meiner Jugend, an die ich mich erinnere. Es gab davon einige, das ist auch schon damals bei TKKG-Hörspielen, fand ich immer die am spannendsten, wo irgendwie die Mädchen entführt wurden und keine Ahnung. Also...
Sebastian War so ein Ding. Sakrileg erschien 2004.
Julia Da war ich 14.
Sebastian Also ja, das ist so ein Alter, da ist man auch gut empfänglich für Ideen.
Julia Voll, ja, definitiv.
Sebastian Okay, aber sagt dir das dann BDSM oder erstmal ist das ja nur die Info, oh das mit dem Fesseln finde ich spannend.
Julia Genau. Letzteres eigentlich. Ich hatte sehr, sehr lange dafür eigentlich keinen Namen. Ich wusste, dass ich irgendwie anders bin, was Sexualität angeht, aber es hat bis in meine 20er gedauert, bis ich dafür wirklich einen richtigen Begriff hatte. Ich wusste, ich mag ausgeliefert sein, ich mag Fesseln, ich mag Fixierung. Aber das hatte für mich nie diesen Oberbegriff BDSM. Und ich weiß nicht warum, weil ich bin ja eigentlich in einer Generation aufgewachsen, die eigentlich sehr früh Zugang zum Internet hatte. Aber ich habe da nie so aktiv nach gesucht irgendwie.
Sebastian Ich weiß ja schon ein bisschen mehr. Also mit 15 gab es den ersten Freund?
Julia Ja.
Sebastian Keine Chance auf irgendwas Kinkiges?
Julia Absolut nicht. Der war damals auch drei Jahre älter als ich und das war meine erste Beziehung und da war vielleicht Küssen gerade mal so drin. Also das war jetzt nicht so spannend. Die hielt tatsächlich auch eine Weile, aber nicht mal, ja, ich glaube, ein gutes Jahr. Und ich denke, und danach war ich auch sehr lange, also was heißt sehr lange? Als Teenager kommt einem das wahnsinnig lange vor. Single und niemand möchte mich und alles ist furchtbar. Ich hatte dann mit 19 einen Partner kennengelernt, mit dem ich dann auch sehr lange zusammen war.
Sebastian Okay, da konntest du zumindest was formulieren, was dir gefallen könnte oder gab's halt, ich sag mal, schlichten Sex?
Julia Es gab am Anfang schlichten Sex, würde ich sagen. Ich habe schon irgendwann in der Beziehung das Ganze versucht zu kommunizieren. So gut es eben, wenn man nicht sagen kann, es gibt da BDSM und ich mag das, weil man selber noch nicht weiß, was BDSM heißt. Ich habe das schon versucht und ich weiß noch, dass wir damals auch so diese richtig billigen Handschellen und sowas hatten, um das mal zu testen.
Sebastian Mit Plüsch?
Julia Ja, was natürlich irgendwann auch einfach abgeht und dann sind die nur noch hart und kalt und unangenehm. Wir haben das so ein bisschen ausprobiert, aber er ist eine Person, die wenig damit am Hut hat. Also die vielleicht, ich will jetzt nicht mutmaßen, aber ich würde ihn eher selber als ein bisschen unterwürfig einordnen und er konnte damit gar nichts anfangen und fand das auch immer eher unangenehm und befremdlich, dass ich solche Ideen habe, was dazu geführt hat, dass ich es dann auch nicht weiter versucht habe anzusprechen.
Sebastian Ja das finde ich spannend, weil das ist so dieses, das Angebot, hey du, du kannst mit mir im Bett im Prinzip ja machen was du möchtest, dann müsste man ja meinen, dass so ein Kerl evolutionär sagt, oh genial, die Frau an den Haaren durch die Gegend zerren, das ist ja eh schon seit der Höhlenmenschzeit quasi interessant, machen wir mal so. Und dann sagen Männer, nee. Und das ist ja völlig in Ordnung.
Julia Total.
Sebastian Hast du darunter gelitten? Also wie sehr hat es dir gefehlt?
Julia Sehr. Jetzt rückblickend kann ich das sagen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich das nicht, weil es war meine, ich würde sagen, diese Beziehung mit 15 Jahren, klammer ich immer gerne aus, aber diese lange Beziehung mit 19, das war meine erste richtig feste Beziehung. Und da war viel Schönes, weil mit 19 entwickelt man sich halt auch stark weiter. Ich habe mit diesen Menschen das Reisen für mich entdeckt. Wir haben wirklich viele schöne Erfahrungen gesammelt. Und deshalb habe ich diesen Teil halt auch immer so ein bisschen hinten angestellt. Aber rückblickend habe ich gemerkt, also ich selber sage eigentlich immer BDSM ist für mich eine sexuelle Identität. Und ich finde, wenn man die nicht ausleben kann, dann... Ja, funktioniert es halt einfach auf Dauer nicht und ich habe das in der Beziehung sehr gemerkt, weil ich irgendwann einfach keine Lust mehr auf Sex hatte. Also ich kann jetzt sagen, ich brauche diesen Anteil in einer Beziehung, um weiterhin Lust zu empfinden und dadurch, dass es den da gar nicht gab und dass der auch sehr negiert wurde einfach, hat es glaube ich unsere Beziehung negativ beeinflusst, weil ich keine Lust, konnte aber auch nicht richtig artikulieren, warum nicht und das war schwierig.
Sebastian Ich mag da mal differenzieren, keine Lust auf Sex oder auch keine Lust auf Sexualität. Das stirbt ja beides manchmal so ein bisschen mit ab. Oder aber man ist halt dann allein am machen und hat die wildesten Fantasien, aber kann es nicht formulieren. Also wie war es bei dir? War die Lust an sich noch da?
Julia Ja, total. Und ich hab das sehr stark gemerkt. Also ich glaub das ist vielleicht auch normal. Man sucht sich ja dann immer Wege. Vielleicht so kleine Coping-Strategien irgendwie. Und ich hab damals wahnsinnig viel Fan-Fiction gelesen und geschrieben selber. Über, weiß ich nicht, alles mögliche. Viel Harry Potter Fan Fiction. Würd ich jetzt auch nicht mehr so machen, aber…
Sebastian Ich weiß, die ist ziemlich brutal. Da ist Dan Brown mit seiner Fesselszene mal gar nichts gegen. Die Slytherins, die alle Harry vergewaltigen. Alle. Und Snape noch mit Saint. Um Gottes Willen, das ist böses Zeug.
Julia Auf jeden Fall, aber es war so eine Flucht für mich irgendwie das zu lesen, zu konsumieren und also die Lust war da, ich hatte einfach nur keine Lust auf Sex mit diesem Partner, weil eben genau da sowas nicht stattfand und es halt wirklich sehr vanilliger Sex war.
Sebastian Ich sag mal, auch wenn du nicht weißt, das ist BDSM mit dem Ganzen, es gibt Consent und es gibt SSC und Play und so weiter, selbst dann kommt man ja doch irgendwie drauf, das könnte doch in Richtung SM gehen. Also dieses Bildzeitungs-SM. Du kommst ja gar nicht dran vorbei zu merken, SM macht mich irgendwie an.
Julia Ich glaube, das war so ein bisschen, ich will das nicht wahrhaben, weil das ist ja irgendwie komisch, weil ich meine, so wie das in den Medien dargestellt wird, ist das ja immer krank und pervers. Und das war so ein Teil, wo ich dachte, uh, und auch dadurch, dass mein Partner damals so reagiert hat und das eher nicht wollte, hat es mir das Gefühl gegeben, ist vielleicht nicht ganz so gut, dass du das magst, das ist vielleicht nicht ganz so normal und normal zu sein war damals ein sehr großes Bestreben von mir. Ich glaube, ich weiß, das ist ganz böse, aber einen Namen hat es tatsächlich gekriegt durch Shades of Grey.
Sebastian Das ist gar nicht böse, das ist ja der Verdienst von dem Zeug. Und dann auch, ein bisschen was kriegt man ja schon mit allein die Szene, sie verhandeln ihre Kapitulation aus und sie ist gut vorbereitet. Ich muss geschehen, das ist tatsächlich eine wirklich gute, wichtige Szene. Ich habe jetzt ehrlich gesagt den Film nur geguckt, weil das Buch, da konnte ich nach 20 Seiten nicht mehr, da wollte ich nicht mehr. Das ist ja gar nicht schlecht zum Reinkommen. Okay, aber du warst mit ihm noch zusammen, als der Film kam.
Julia Genau. Und das war auch eher Zufall, weil mich hat so eine Literatur nicht wirklich interessiert. Aber ich hab halt da studiert und in unserem Studium wurde dieses Buch rauf und runter diskutiert. Und irgendwann dachte ich mir, okay, I don't get the hype, aber ich hör mir jetzt mal das Hörbuch an, weil ich will's verstehen. Und ich weiß, dass ich damals dachte, oh, ziemlich unangenehmer Typ irgendwie. Also da ist viel irgendwie nicht so, wie ich's ganz gut finde, aber dieses Spielzimmer. Und das war halt irgendwie spannend. Und dann hatte es halt auch endlich einen Namen so.
Sebastian Ja, und dann kann man googeln.
Julia Ja, definitiv.
Sebastian Ich frage noch, weil du ja auch mit 19, 20, 21 ist ja immer noch so ein bisschen die Frage SMJG. Es scheint langsam so eine Forschungsarbeit von mir zu sein. Schaffen es Menschen die SMJG nicht zu sehen? Ich weiß, du weißt jetzt davon. Aber einfach mal die Frage, wann hast du davon gehört, dass es die SMJG gibt, also eine BDSM-Jugendorganisation?
Julia Ja, das würde ich sagen war mit 28, 29 durch den "Not Vanilla"-Podcast.
Sebastian Wo du gerade raus warst, definitiv.
Julia Ja.
Sebastian Boah. Okay, ich bleibe dabei. Also, liebes Publikum, wenn ihr relativ jung seid und habt diesen Podcast entdeckt, das ist irgendwie spannend und ihr sucht Leute und ihr seid auch unter 18 zum Beispiel, dürft ihr diesen Podcast ja gar nicht hören, aber egal, "smjg.org", bitte tut mir den Gefallen, gebt denen eine Chance und seid auch hartnäckig und besucht mal irgendwas oder geht ins Forum, aber irgendwie, das ist echt gut, weil ich glaub man ärgert sich, wenn man dann irgendwie grad raus ist und kommt da nicht mehr so ran.
Julia Voll. Also ich muss auch sagen, es ist ein bisschen ironisch. Ich habe einen sehr, sehr guten Freund aus der Schulzeit, das ist einer meiner engsten Freunde. Wir sind auch jetzt noch sehr gut befreundet. Und der war damals tatsächlich, also der wusste, dass es die SMJG gibt. Also wenn ich damals sage, meine ich, wir waren so in der 11. Klasse. Wir waren aber beide so ein bisschen am strugglen mit uns selbst, so dass wir nie darüber geredet haben. Und Jahre später haben wir dann festgestellt. Ach, du auch? Ja, vielleicht hätten wir ja damals einfach mal zusammen nach Braunschweig fahren können zum Stammtisch, aber tja.
Sebastian Ja gut, da kann man sich immer drüber ärgern. Also ich bin ja selber auch so mit 27 dann so richtig in die Szene eingestiegen und das hat mich auch so ein bisschen geärgert, so ein, zwei Jahre früher und dann hätte man da noch ganz viel mitnehmen können. Aber ist eben so, oder? Man ist noch so gerade auf der Grenze, wo man auch sagt, ich fang da jetzt nicht an ein halbes Jahr hin zu gehen und dann fliege ich raus. Aber die müssen natürlich diese Altersgrenze auch setzen, ne? Okay, also da ist noch ein bisschen Nachholbedarf und ich mag das immer in den Folgen unbedingt droppen, weil es irgendwie manche Sachen vielleicht einfacher gemacht hätte. Aber es geht auch ohne.
Julia Ja, aber definitiv, die machen eine so gute Arbeit und das ist so unterstützenswert und ich bin mir sicher, dass wenn ich damals auch nicht so in Häkchen behütet aufgewachsen wäre und ich hätte es vielleicht irgendwie anders mitgekriegt, aber so. Also ja, SMJG ist sehr cool. Geht da hin.
Sebastian Jetzt hast du das Buch gelesen, du hast Google gefunden. Warst du mit dem Partner noch zusammen?
Julia Ja.
Sebastian Dann steigt der Druck.
Julia Definitiv, vor allem das war… Wie ist das? Nee, nee, also ich glaube es war schon, die Kiste war schon so verfahren bei uns, dass ich mich nicht mehr getraut habe es anzusprechen. Wir waren da schon fünf, sechs Jahre in der Beziehung ungefähr, würde ich tippen. Ich habe 2012 angefangen zu studieren, naja das waren dann so drei Jahre, vier Jahre. Ich habe es glaube ich immer mal wieder so ein bisschen versucht, aber ich finde, man merkt ja auch, wenn es einem gar nicht liegt, dann macht es auch mir keinen Spaß. Also wenn ich merke, okay, da versucht jetzt jemand so ein bisschen dominant zu sein, aber es ist einfach nicht sein Naturell, bringt das auch nichts irgendwie.
Sebastian Wie hast du denn auf andere Menschen in deinem Umfeld reagiert, die an sich dominant waren? Gerade Studium, das kann mal ein Dozent sein, das kann irgendwer sein. Also hast du schon gemerkt, dass du auf dominante Personen auch irgendwie reagierst?
Julia Das ist eine sehr gute Frage. Da muss ich mal überlegen. Ich würde sagen, so bei Menschen tatsächlich in meinem direkten Umfeld, ja schon ein bisschen. Aber tatsächlich war es für mich leichter, weil ich auch so ein Thema mit zwischenmenschlichen Beziehungen habe, dass so in Film, Fernsehen, keine Ahnung, also da, gib mir den Evil Guy und ich find's mega so. Also das war immer so, Julia steht irgendwie immer auf diese, auf die bösen Typen.
Sebastian Die sind ja auch immer mit den besten Schauspielern besetzt, die sind auch am interessantesten, weil die sind auch mal ungewöhnlich, die sind an sich schon mal cool. Sagen's nicht grad hier von Austin Powers, der Typ ist der Dr. Evil, der ist nur grad, ich weiß jetzt, der ist, find ich jetzt schwierig, aber es gibt schon so ein paar, ich find grad bei diesen ganzen überzeichneten, die Disney-Verfilmung, find ich die Bösewichte ja immer noch am allerbesten. Die sind einfach so, die sind auch einfach böse, weil es geht. Weltherrschaft, bitteschön.
Julia Ja, oder hier Marvel-Verfilmung und keine Ahnung.
Sebastian Oh, wer ist da dein Favorit?
Julia Ich hab grad richtig spontan an Loki gedacht, find ich ziemlich cool, aber, und es gibt, oh ja, ganz ganz böse, als Feministin fällt es mir sehr schwer, das jetzt zuzugeben, aber es gibt Agents of S.H.I.E.L.D. Eine Serie aus dem DC-Universum und da ist jemand, der ist so ein Arsch und er hintergeht die ganze Truppe und, boah, ich war immer in seinem Team, auch als er richtig richtig böse war, ja.
Sebastian Ich überleg grad, wie er heißt, das ist einer der Hauptdarsteller.
Julia Agent Ward, ja.
Sebastian Ja, genau. Okay, er hat ja auch manchmal den Job gehabt, verführ die mal.
Julia Ja, richtig.
Sebastian Und dann funktioniert das auch noch, dieser schmierige, naja.
Julia Es gab auch sehr viele S.H.I.E.L.D. Fanfiction, in die ich mich dann gestürzt habe.
Sebastian Okay, ich weiß gar nicht, ob das dann, das hat dann irgendwann aufgehört und wir nerden hier gerade so ein bisschen rum und das liegt an mir, weil ich dich drauf stoße. Okay, aber gut, das Wissen ist da, vielleicht mag ich dann danach nochmal fragen. Du hast gelesen, du hast Informationen, was war im Kopf, was konntest du dir vorstellen, was für dich, für dich selbst spannend ist, das könnte man mal erleben. Gab's da vielleicht auch schon Praktiken, wo du gesagt hast, ja, das ist gut.
Julia Das schwingt schon immer mit, das ist einfach dieses Erniedrigen, würde ich sagen. Jemand bestimmt, was er oder sie mit mir macht. Das hatte schon damals einen ganz großen Reiz. Also das waren da sehr einfache Fantasien, aber einfach schon die Vorstellung, dass jemand einfach sagt, du musst jetzt hier knien, du machst das. Das hatte auf mich damals schon eine ganz große Wirkung. Und schon allein das hat gereicht am Anfang, mir das so vorzustellen, wie das wäre, wenn jemand jetzt einfach mal den Ton angibt. Und fesseln eigentlich auch schon immer irgendwie. Das ist immer so ein bisschen mitgeschwungen. Egal, ob es jetzt irgendwie Bondage war oder einfach irgendwelche Fixierungen.
Sebastian Du hast es ja offensichtlich nicht mehr aus dem Kopf rausgekriegt. Wie bist du damit umgegangen und wie hast du es geschafft, dann irgendwann mal auch was auszuprobieren?
Julia Einige Jahre später, würde ich sagen.
Sebastian Einige Jahre später. Das klingt so grausam. So ein Jahr ist so lang.
Julia Es ist auch eine interessante Zeit, weil wenn ich so daran zurückdenke, habe ich mir so oft vorgestellt, und das klingt sicherlich für viele bizarr, aber ich dachte so, boah, wenn du irgendwann mit deinem Partner nicht mehr zusammen bist, dann könntest du ja in so einer Partnerschaft leben. Aber es war für mich keine Option, nicht mit diesen Menschen zusammen zu sein, weil weil wir einfach sehr viel zusammen erlebt haben und das einfach ... Ja, ich glaube, wenn wir uns nicht getrennt hätten, weiß ich nicht, ob ich es jemals ausgelebt hätte, was mega traurig eigentlich als Gedanke ist, weil es mir jetzt so viel besser damit geht, seit ich das tun kann, aber man ist halt irgendwie so in diesem Muster, wir sind jetzt hier zusammengezogen, ich studiere, er macht die Ausbildung, es gab halt so einen Plan irgendwie, was so die nächsten Steps sind und das sind halt diese super bürgerlichen Pläne irgendwie.
Sebastian Es ist ja auch nur Sexualität. Das ist ja nichts, weswegen man sein Leben umplanen sollte.
Julia Genau das, ja.
Sebastian Ist doch nicht die Rede wert. Ja, ist ja schön, wenn es geht, aber mein Gott, daran wird es doch nicht scheitern.
Julia Also man soll doch dankbar sein, dass man irgendwie eine Beziehung hat und dann sich vielleicht irgendwann ein Haus kaufen kann und eine Familie gründen und ist ja viel wichtiger.
Sebastian Ja, wobei evolutionär sind wir nun mal dazu da, um Nachkommen zu zeugen, also Sex zu machen. Und wenn ich BDSM zu Sex dazuzähle, zu Sexualität, dann kann ich halt Sexualität prinzipiell nicht als etwas Unwichtiges definieren. Also eigentlich sollte es viel mehr Stellenwert haben, aber ich glaube, das ist auch viel Sozialisation. Definitiv. Erstmal Ausbildung, erstmal lernen, dann erstmal Job, Stabilität, heiraten und dann kriegt man nochmal Kinder, da reicht zwei, dreimal Sex im Leben aus und dann muss man sich dafür aufopfern und dann irgendwann Rente und dann hat man was für die Gesellschaft getan. Wie kann man sich anmaßen, dass das wichtig ist? Aber deshalb reden wir ja über diese Unvernunft.
Julia Ja.
Sebastian Okay, du hast wirklich Jahre durchgehalten.
Julia Ich habe diesen Menschen geheiratet, ja. Also wir sind...
Sebastian Danach.
Julia Nach dem Studium. Wir sind dann weitergezogen in die nächste Stadt. Ich habe meinen Bachelor gemacht. Wir hatten zwischendurch eine kleine Beziehungspause tatsächlich, weil andere Themen waren und es lief nicht so gut. Und haben uns dann aber wiedergefunden, weil ich nach dem Studium nach Hamburg gezogen bin. Hatte dort meinen ersten Job, einen ganz, ganz tollen Job und habe mich aber in dieser großen Stadt sehr, sehr einsam gefühlt. Und naja, dann habe ich ihn irgendwann sehr vermisst und gesagt, lass es uns doch nochmal probieren. Und für ihn war das glaube ich so die Chance, mich wieder zu gewinnen. Und dann hat er mir ein halbes Jahr später einen Antrag gemacht und wir haben geheiratet und waren dann ein nicht mal grandioses Jahr zusammen und dann haben wir die Scheidung eingereicht. Und das alles mit unter 30.
Sebastian Als du dann nochmal zu ihm gegangen bist, das erfordert ja auch eine Menge Mut und das ist ja vielleicht auch eine Gelegenheit zu sagen, du pass mal auf, mir hat da doch dies und das gefehlt. Also man verhandelt dann ja auch so eine Beziehung nochmal neu aus. Hast du das auf den Tisch bringen können?
Julia Ne, es waren andere Themen, die größer als das waren und die erstmal ausverhandelt werden mussten, sodass ich mal wieder meine Sexualität ein bisschen hinten angestellt habe.
Sebastian Ich glaub das passiert dir nicht wieder, ne?
Julia Ne, definitiv nicht.
Sebastian Geheiratet, ein Jahr zusammen, Scheidung, immer noch kein BDSM. Nicht mal so nebenbei mit irgendwem, irgendwie, irgendwas? Nein, gar nichts. Mit dir selbst? Manche Menschen üben ja auch einfach mal Fesseln zu Hause auf dem Bett.
Julia Ne.
Sebastian Gar nichts?
Julia Gar nicht. Kann ich mir auch. Also ich hab auch einen sehr guten Freund, der auch Sachen mit sich selbst macht. Das ist was, was für mich aber irgendwie, also kann ich mir nicht vorstellen. Ich brauche diese andere Person. Für mich hat BDSM auch sehr viel mit diesem Miteinander zu tun, mit diesem, man macht was zusammen, man ist die ganze Zeit in einer Dynamik und das brauche ich einfach dafür.
Sebastian Jetzt die Trennung dann wieder. War dir bewusst, BDSM ist auch vielleicht ein Baustein, der gefehlt hat oder waren es die anderen großen Themen, die dann dazu geführt haben?
Julia Beides würde ich sagen. Es waren große Themen, es waren sehr große Themen, wo einfach Lebensentwürfe nicht zusammengepasst haben, weil ich mich ziemlich in Hamburg verliebt habe und wusste, ich will da bleiben. Und für ihn war Hochzeit irgendwo in der Region, wo wir herkommen, ein Bauplatz, Haus bauen, Kinder kriegen. Und das war einfach nicht miteinander vereinbar. Und da war ich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben nicht bereit, irgendeinen Kompromiss einzugehen, weil ich wusste, ich will in Hamburg bleiben und ich habe mit meinem Beruf auch nicht so die große Auswahl, wo ich arbeite. Ich muss eher so in Ballungszentren arbeiten, wo es viel im Bereich Medien gibt. Mit seinem Job wäre es wesentlich einfacher gewesen, auch in Hamburg Fuß zu fassen. Aber er wollte nicht, ich wollte nicht weg. Und dieses Thema ist nach der Hochzeit so groß geworden, weil es für ihn wirklich dieses "erster Schritt ist abgehakt" war, dass wir uns da sehr sehr schnell sehr drüber zerstritten haben und ich dann aber auch in diesem Prozess gemerkt habe, hey eigentlich bist du nicht nur deswegen nicht mehr glücklich und wenn du nochmal eine Beziehung eingehst, dann solltest du vielleicht auch mal ein bisschen mehr darauf achten, was du eigentlich noch möchtest - sexuell und auch allgemein.
Sebastian Jetzt haben wir eine halbe Stunde darüber gesprochen, nicht BDSM zu haben.
Julia Für einen BDSM Podcast auf jeden Fall spannend.
Sebastian Ja, aber das ist ja das Schöne, wir können uns diese Zeit hier erlauben. Das Publikum möge einfach Kapitelmarken benutzen und all diese Dinge. Aber okay, jetzt ist der Partner auch weg und jetzt hast du ja technisch gesehen alle Möglichkeiten und Freiheiten, dann könnte man ja einfach, weil es ja so einfach ist, einfach zu den nächsten BDSMigen Personen gehen und sagen, los, lass uns jetzt machen. Das funktioniert ja dann doch nicht so. Also es gibt ja viele Menschen, die sind Single und mögen BDSM und trotzdem kommen sie nicht dazu, weil es noch eine Million andere Gründe gibt. Es ist also total unwahrscheinlich, dass jemals BDSM im Leben stattfindet.
Julia Und es gibt ja noch den dritten Grund für die Trennung, obwohl ich nicht sagen möchte, dass er ein Grund war, aber vielleicht ein Brandbeschleuniger für das Ganze. Ich habe nämlich in dieser Zeit in Hamburg jemand anderen kennengelernt und mich sehr gut mit ihm angefreundet. Und während meine Ehe den Bach runterging, gemerkt, Fuck, vielleicht ist da grad noch was anderes.
Sebastian Das ist die Person, die bei mir auf meinem Spickzettel als "der Nachbar" steht.
Julia Ja, richtig, "der Nachbar".
Sebastian Und da steht direkt drunter "Glühwein".
Julia Ja, richtig.
Sebastian Vielleicht möchtest du ein bisschen erzählen und ich hör einfach mal zu, weil ich krieg es nicht mehr zusammen. Da steht hier nur "Nachbar aus der WG" und "Glühwein".
Julia Genau.
Sebastian Und "nicht ohne BDSM". Und wie wir das vor anderthalb Jahren besprochen haben, das ist mir gerade auch nicht ganz einleuchtend. Hilf mir.
Julia Okay, ich versuche es nicht zu lang zu machen.
Sebastian Lass dir Zeit, ich kann ja schneiden.
Julia Ich habe in Hamburg, weil ich, mein erster Job war, nicht ganz so gut bezahlt, was im Medienbereich häufig der Fall ist. Ich habe in einer WG gewohnt mit einer anderen Mitbewohnerin zusammen. Wir waren in einer Zweier-WG und in unserem Haus, in dem wir gewohnt haben, gab es relativ viele dieser Zweier-WGs. Und wir haben gemerkt, die sind alle so ein bisschen ungefähr in unserem Alter, zumindest so ungefähr eine Generation. Es gab auch so ein paar Ältere und man hat sich immer so super freundlich auf dem Flur begrüßt, auch mal geschnackt und dann dachten wir, vielleicht laden wir die einfach mal alle ein auf einen Glühweinabend bei uns. Und ja, gesagt, getan. Und es kamen nicht alle. Die WG neben uns, die Jungs-WG, die hat einen Rückzieher gemacht, aber die von schräg gegenüber, die zwei, die kamen und auch noch eine, die unterm Dach gewohnt hat und ja, wir hatten einen richtig netten Abend. Ich habe mich sehr gut mit dem einen WG-Mitbewohner verstanden und erst mal wirklich auf einer rein freundschaftlichen Ebene. Es war so, dass wir sehr viele ähnliche Interessen hatten, auch so ein bisschen, wir haben uns wahrscheinlich auch so ein bisschen zusammengenerdet, weil wir viel über Star Wars an dem Abend gesprochen haben und dann entstand die Idee, man könnte ja mal zusammen Star Wars gucken und dann wurden weitere Ideen daraus. Serien gucken, zusammen kochen. Meine WG-Mitbewohnerin war wenig zu Hause, sein WG-Mitbewohner genauso. Das heißt, wir haben dann einfach die WG für uns ein bisschen ausgeweitet.
Sebastian Noch an dem Abend, das war alles Planung oder sind das schon die nächsten Wochen?
Julia Das sind die nächsten Wochen.
Sebastian Ja ist doch cool, wenn man Leute kennenlernt, mit denen das geht.
Julia Total.
Sebastian Kochen, Filme gucken, etc. Zeit miteinander verbringen. Ist doch super. Entspannt.
Julia War für mich auch im ersten Moment einfach nur genau das. Und irgendwann fiel es halt auf, dass wir viel zusammen machen und es wurde gerade in seinem Freundeskreis immer so ein bisschen so, ach ja, genau, deine Nachbarin wieder.
Sebastian Deinen Partner gab es aber zu dem Zeitpunkt irgendwie noch. Aber du hast in der WG gewohnt und er wahrscheinlich dann da, wo der Bauplatz eventuell sein konnte.
Julia Richtig, wir hatten eine Fernbeziehung zu dem Zeitpunkt, das muss man vielleicht dazusagen, und haben uns versucht zweimal im Monat immer an den Wochenenden zu sehen. Die Phase war schon schwierig, weil ich nicht mehr so wirklich Lust darauf hatte zu ihm zu fahren, weil es halt oft eben mit Konflikten verbunden war und da kam in dieser Zeit jemand, mit dem man einfach wirklich nette Sachen machen kann, genau richtig. Und das hat sich dann so ein bisschen zugespitzt, weil wir hatten diesen Glühweinabend im November, haben uns dann irgendwann einen Heidenspaß daraus gemacht, irgendwelche Streiche zu spielen, dass es so aussehen wird, also um so ein bisschen diese Gerüchteküche von seinen Freunden zu befeuern. Dann habe ich mal irgendwann einen BH mit in die Wohnung genommen und hab den oben über die Lampe gehängt oder so, damit sein Mitbewohner das sieht und sich sonst was denkt und wir hatten einfach Spaß daran, dachten wir beide.
Sebastian Eigentlich war es ja Vorspiel.
Julia Ja, richtig.
Sebastian Es ist immer schön, wenn man dann selber immer, ja man streut Informationen, damit andere irgendwie darauf reagieren und spielt einen Streich, aber man merkt gar nicht, dass man das mit einer viel zu perfekten Leidenschaft betreibt.
Julia Absolut.
Sebastian Schön. Wobei, eigentlich ist es doch blöd, wenn man gar nicht weiß, dass man eigentlich verknallt ist. Ich unterstelle das jetzt einfach.
Julia War genau so, das ist es exakt. Es waren viele Momente, wo man im Nachhinein sagen kann, also zum Beispiel meinte er auch, ich habe ein Lied gehört, da musste ich total an dich denken und dann hat er das nicht mehr wiedergefunden und hat einfach auf der Arbeit zwei Stunden Spotify nach diesem Lied durchsucht, wo ich so denke, weiß ich nicht, ob man das einfach so macht. Und in dem Lied singt jemand, "I was fireproof until I had you in my room", also, ja, interessante Botschaft für eine Freundschaft, aber damals habe ich das überhaupt nicht so gesehen. Und im Nachhinein, ich war dann an Weihnachten zu Hause und eine meiner engsten Freundinnen und auch meine Mutter wussten eigentlich schon, was da los ist. Und zu diesem Zeitpunkt ist halt auch die andere Beziehung sehr eskaliert, würde ich sagen, weil dann in dieser Weihnachtszeit haben wir uns das erste Mal wieder länger gesehen. Er war eine Woche in Hamburg. Ich bin danach in die Heimat gefahren für eine Woche. Und da sind sehr viele Dinge passiert, die einfach nicht cool waren. Und er kam dann auch nach Weihnachten wieder mit nach Hamburg. Wir wollten noch Silvester zusammen feiern und zwischendurch war schon ein, zweimal der Punkt, wo er fast fahren wollte, weil es war komisch, es war eine ganz komische Stimmung.
Sebastian Ja gut, man weiß oder man realisiert ja eigentlich auch gar nicht, wo das Herz hingeht und das ist halt blöd, weil man versucht dann die Dinge zu tun, die man so tut, geht nicht. Aber wie brav warst du denn? Also hast du mit dem Mitbewohner gekocht? Okay. BHs rumliegen lassen? Okay.
Julia Ich war überhaupt nicht brav und ich bin eigentlich jemand, der eine sehr hohe Moral hat und das war etwas, was ich mir eigentlich im Nachhinein nicht verzeihen kann in dem Sinne, weil er irgendwann mal erzählte, dass er tatsächlich relativ viel massiert, weil seine Schwester das ganz gut kann und ihm das beigebracht hat und dann... Ich weiß nicht, was ich mir dachte. Ich war eine verheiratete Frau und ich habe mich einfach von einem anderen Mann massieren lassen. Natürlich nur am Rücken und keine Ahnung und alles ohne irgendwas anderes anfassen. Aber das ist eigentlich was, wo ich sage, eigentlich ist das nicht cool, Julia. Das hättest du nicht machen sollen. Es gab auch eine Situation, wo wir einen Serienabend gemacht haben und unsere Dynamik war damals schon immer, dass man sich gegenseitig sehr viel ärgert. Und er hat mir irgendwie Wasser übergekippt. Und dann habe ich voll angefangen zu frieren. Und dann hat er gefragt, ob er vielleicht einfach bei mir schlafen soll. Und da habe ich ja gesagt. Also auch da ist überhaupt nichts passiert. Wir haben nicht mal gekuschelt. Er lag einfach nur mit Abstand neben mir im Bett. Aber auch das ist etwas, was ich eigentlich nicht mit mir und meinen Moralvorstellungen hätte vereinbaren können. Und was mir vielleicht hätte zeigen können, irgendwas stimmt hier nicht mehr. Weil ich bin mir sicher, hätte ich noch was für meinen anderen Partner empfunden, was sich irgendwie mit Liebe gleichsetzen lässt, hätte ich das auch nicht getan.
Sebastian Man kann das so und so sehen. Ich glaube, das schlechte Gewissen kommt jetzt eben dadurch, dass du auch im Nachhinein weißt, dass ihr beide verknallt wart. Und dann, ganz ehrlich, menschlich. Und ich finde das schön, dass du das hier auch erzählst, weil ganz viele Menschen sagen, können wir das weglassen in dem Podcast? Ja, kann man, aber eigentlich, ich glaube, es geht sehr vielen Menschen sehr oft so und die Maßstäbe, die man ansetzt, das müssen jetzt nicht unbedingt die amerikanisch-evangelikalen sein, nach denen kommen wir eh alle in die Hölle.
Julia Definitiv, das ist auch okay.
Sebastian Und ein bisschen Hölle ist ja auch eigentlich ganz schön für dich.
Julia Vielleicht ganz warm, ja.
Sebastian Okay, kommen wir nochmal ein bisschen Richtung BDSM. Gab es da, ich nenne es jetzt mal, Vorfälle?
Julia Ja.
Sebastian Okay, also ich frage immer so ein bisschen nach dem ersten Mal, wenn man das erste Mal ans Bett gefesselt ist oder die Handschellen klicken und sich das gut anfühlt oder vielleicht etwas passiert, wo wirklich auch BDSM dran steht und man das auch labelt.
Julia Das gab es tatsächlich erst später, aber es gab damals, glaube ich, so Vibes von ihm, also von dem Nachbarn, die mir gezeigt haben, da ist Potenzial. Weil, ich weiß noch, wie gesagt, viel rumgealbert, viel Quatsch gemacht und er ist jemand, der immer Kabelbinder dabei hat. Ich weiß nicht warum, aber er hat sie in jedem Rucksack. Das ist auch heute noch so. Und auch immer so ein Panzertape, also so eine Rolle. Und einen Abend hatte ich auf einmal meine Handgelenke mit Panzertape verbunden, weil er das irgendwie witzig fand. Also tatsächlich, er hat versucht, mir das anzulegen und ich hab mich natürlich ein bisschen spielerisch gewehrt, aber keine Chance. Und ja, also das war sicherlich kein BDSM erstes Mal, aber das war rückblickend auf jeden Fall so ein Moment, wo ich gemerkt habe, Joa, vielleicht macht ihm das ja auch woanders Spaß, als jetzt einfach nur auf dem Sofa angezogen oder so.
Sebastian Wie ist das so vom Gefühl her? Ich sitze jetzt hier und bin hier irgendwie verbunden und das hat jemand gemacht, weil er es wollte. Das geht ja schon in die Fanfiction-Richtung dann rein.
Julia Voll.
Sebastian Und wenn man BDSM gegoogelt hat, dann weiß man auch, das geht jetzt schon in die Richtung.
Julia Ich weiß nur, dass ich damals irgendwie mega aufgeregt war, so positiv, also und mir das im ersten Moment gar nicht erklären konnte, weil es so ein richtiges Euphoriegefühl war. Und jetzt so im Nachhinein weiß ich, ja klar, da ist das erste Mal, das erste Mal hat jemand etwas mit mir gemacht, was halt genau das ist, was genau diese Fantasien bedient hat irgendwie. Es ist nach Silvester ziemlich eskaliert und ich hatte mit meinem Ehemann erstmal eine Pause vereinbart, also eine Funkstille einfach. Und in dieser Woche... Das ist dann auch mit dem Nachbarn eskaliert, weil wir alberten wieder so rum und ich merkte, mir tut das nicht gut. Also ich kann nicht mehr so tun, als würden, also dieses so tun, als wäre da was, aber es ist nichts, funktioniert nicht mehr für mich, weil ich merke, da ist was. Und dann habe ich das angesprochen, so halb, weil ich damals echt nicht gut darin war, sowas zu artikulieren. Führte dann dazu, dass er eine schlaflose Nacht hatte und ich auch.
Sebastian Was hast du ihm gesagt?
Julia Ich war sehr passiv, würde ich sagen, vielleicht auch sehr passiv-aggressiv, weil er meinte, es ist so witzig, dass wir das immer machen. Wir hätten irgendwie geschrieben. Und er meinte, ja, ich weiß nicht, ob das immer so witzig ist. Irgendwie hat es bei ihm was angestoßen. Und dann wollte er an dem Abend aber auch nicht mehr reden. Und ich hatte aber einen großen Gesprächsbedarf. Und dann habe ich mich um zwei Uhr aus dem Bett gesetzt und habe einen Brief geschrieben und habe ihm gesagt, Hey, ich glaub, Freundschaft ist das nicht mehr. Und das ist grad mehr. Und ich weiß grad selber nicht, was ich damit anfangen soll. Und dann ... ja, bin ich morgens ... zur Arbeit. Und hab davor diesen Brief in den Briefkasten bei ihm geschmissen. Hätte ihn danach am liebsten wieder rausgeholt, aber mein Arm war nicht lang genug. Und saß dann auf der Arbeit, unfähig, etwas zu tun, bis er dann sich um elf gemeldet hat. Mit einem sehr nüchternen, ja, danke für den Brief, das hat dich bestimmt viel Mut gekostet, gerne können wir nochmal darüber reden.
Sebastian Oh Gott, Entschuldigung. Oh Gott.
Julia Und für mich war klar, okay, okay, jetzt ist alles vorbei.
Sebastian Gibt's diesen Brief noch? Nee, ne?
Julia Er hat den bestimmt noch. Ich müsste mal schauen.
Sebastian Okay, ist also kein Ding der Woche.
Julia Ne, definitiv nicht.
Sebastian Ja, manchmal ist sowas ja überraschenderweise dann doch noch auffindbar. Okay, also so ein Brief, so was schriftliches, das fixiert ja dann auch, da kannst du ja nicht mehr zurück.
Julia Ja, voll.
Sebastian Okay, zur Arbeit, wieder zurück. Das Gespräch, das freundliche Gesprächsangebot von ihm ist da.
Julia Ich hab versucht, es abzulehnen, weil ich mir sicher war, es wird blöd. Und er hat mich dann aber gekriegt mit, hey, du konntest jetzt deine Sicht der Dinge schildern. Ich finde, ich habe das gleiche Recht. Und dann dachte ich, das ist fair. Ich musste an dem Tag auch noch länger arbeiten, war dann sehr spät zu Hause, bin direkt zu ihm. Und wir haben geredet. Und irgendwann sagte er diesen Satz. Das ist immer so. Ich verlieb mich immer in die Falschen, immer in die, in die ich mich eigentlich nicht verlieben sollte. Und ich war völlig perplex, weil ich wirklich dachte, er sagt mir jetzt, ja, ist ja ganz nett, aber nö, wir sind nur Freunde. Und ich weiß noch, dass ich ihn damals einfach, wir haben beide geweint und ich hab ihn irgendwie mit meinem Taschentuch abgeworfen. Meinte, du Arsch, wieso musste ich das denn jetzt zuerst sagen? Und ja, dann haben wir sehr viel geredet. Er hatte natürlich sehr viel Bedenken, wollte jetzt auch nicht "Mr. Steal Your Wife" werden irgendwie. Ich musste ihm versichern, die Beziehung habe ich mit meinem Mann schon vorher an die Wand gefahren. Das ist jetzt nur sehr schnell parallel passiert. Das ist okay. Und dann bin ich am nächsten Tag, glaube ich, habe ich mir... Weil ich ja auch unbedingt sparen wollte, ein Niedersachsen-Ticket gebucht, habe mich auf der Arbeit krank gemeldet und bin in die Heimat gefahren und habe mit meinem Mann Schluss gemacht. Und dann, weil ich dachte, Niedersachsen-Ticket, kann ich am gleichen Tag wieder zurückfahren. Es war ein harter Tag.
Sebastian Aber das ist dann wirklich auch aufräumen und sagen, okay, ich übernehme jetzt hier auch Verantwortung und lasse das nicht monatelang schwelen. Das sehe ich ja schon als, also meine Einschätzung ist so wirklich, der Versuch alles richtig zu machen ist da, aber manchmal geht es halt nicht optimal. Wie seid ihr denn auseinandergegangen in dem Abend?
Julia Ich glaube es war so ein, also da ist jetzt was und wir gucken mal und ich habe ihm auch gesagt, unabhängig davon, was jetzt mit uns weiter passiert, ich merke, ich kann diese Ehe nicht mehr führen, ich werde jetzt erstmal diese Ehe beenden und dann schauen wir. Ja und genau das habe ich getan. Dann gibt es tatsächlich irgendwie nochmal so einen Brief von mir, wo ich dann gefragt habe, das war dann ein paar Wochen später, was sind wir jetzt eigentlich? Was wollen wir jetzt eigentlich sein? Und ja, dann war er relativ schnell danach oder wahrscheinlich auch eigentlich schon während dieser Trennungsphase mein Partner und das ist er bis heute.
Sebastian Okay, jetzt haben wir laut Uhr 45 Minuten immer noch über das Nicht-BDSM-Haben gesprochen. Wir machen jetzt eine kleine Pause. Diesmal sage ich das dem Publikum auch ganz transparent. Dann müssen wir über den Kinky-Kram reden. Aber ganz ehrlich, das muss auch erzählt werden. Und der Weg ist manchmal lang und der ist sogar oft lang. Und ganz ehrlich, manchmal lohnt es sich und ob das so ist, werden wir gleich erfahren. Ich wurde übrigens gebeten, das muss ich mal sagen, dass ich diese Pausen, dass ich das durchaus nicht einfach rausschneiden soll, sondern dass ich das auch sagen soll und dass ich eine kleine Trennermusik spielen soll, gebt mir mal bitte Feedback, ob das so besser ist oder ob ihr sagt, nee, nee, macht das mal unsichtbar die Pausen, das wäre jetzt einfach Feedback vom Publikum, ist gar nicht schlecht. Aber, Julia.
Julia Ja.
Sebastian Wir müssen über BDSM reden, sonst muss ich diesen Podcast umbenennen oder noch einen eigenen Podcast aufmachen.
Julia Ja.
Sebastian Eigentlich müssen wir das nicht, aber es wäre schon…
Julia Ich möchte.
Sebastian Ich weiß ja, dass das Thema Thema ist. Ja, wie hast du mit deinem Partner, den du jetzt auch heute hast, der dir von der Wohnsituation zugeschustert wurde, wie habt ihr angefangen kinky Kram zu machen? Kam das von dir, von ihm?
Julia Das kam von mir. Nachdem wir dann wussten, also die Fronten alle geklärt waren, alle Altlasten beendet, habe ich mir nochmal sehr viele Gedanken gemacht. Und ich wusste ja, das war schon immer ein Thema und das war sicherlich auch was, was mit in die alte Beziehung reingespielt hat. Und ich möchte nicht mehr ohne. Und ich habe aber auch gemerkt, ich empfinde sehr, sehr viel für diesen Menschen gerade und es ist eigentlich nur fair, relativ früh zu kommunizieren. Hey, ich hab da Interessen. Ich hab die bisher noch nicht ausgelebt, aber ich möchte das tun. Das hab ich auch relativ schnell gemacht, würd ich sagen. Also nach ein paar Wochen, als wir wussten, da ist mehr, hab ich mich abends mit ihm hingesetzt an den Laptop und hab gesagt, du, ich glaub, ich mag da auch noch andere Sachen, und... Ja, dann haben wir ein bisschen direkt zusammen Onlineshopping betrieben und eine Grundausstattung angeschaut.
Sebastian Moment, du sagst, ich mag andere Sachen. Was hat er denn gesagt?
Julia Ich hab das Glück, dass ich einen sehr offenen Partner hab, einen sehr neugierigen Partner, der gerne Dinge testet und ausprobiert und ich hab ihm halt erklärt, weißt du, oder ich hab glaube ich sogar gefragt, weißt du was BDSM ist?
Sebastian Wusste er's?
Julia Ich glaube nicht, aber ich habe das dann so ein bisschen, ja, einfach beschrieben oder auch einfach die Abkürzung erklärt und gesagt, dass ich mir das vorstellen kann und was er dazu denkt. Und er war so, habe ich noch nie gemacht, aber lass mal testen.
Sebastian Optimal. Wobei, Jein, es kann ja auch sein, dass er es blöd findet.
Julia Total.
Sebastian Okay, ihr habt Sachen geshoppt.
Julia Ja.
Sebastian Was war im Warenkorb?
Julia Ich glaube, das war so eine richtig schlechte Grundausstattung, muss man sagen. Das waren Hand- und Fußfesseln, das war eine Augenbinde, das war ein Flogger, den es sogar noch heute gibt, glaube ich. Der hat überlebt, der war gar nicht so schlecht. Nippelklemmen und ich glaube sogar ein Knebel.
Sebastian Beim ordinären Sex und Kondomversand oder schon spezialisiert?
Julia Beim ordinären Sex und Kondomversand.
Sebastian Er muss ja auch im Budget so ein bisschen bleiben. Wo kriegt man mal eine Grundausstattung, die man sich auch leisten kann?
Julia Voll. Und gerade um zu testen, ist das überhaupt was für ihn, jetzt dann direkt irgendwie die teure Lederpeitsche zu kaufen? Weiß ich nicht. Da war ich dann auch zu sehr Sparfuchs.
Sebastian Okay, finde ich aber spannend, weil im Prinzip ist ja die Dominanz das Interessante. Man müsste ja zum Ausprobieren nicht unbedingt Zubehör haben.
Julia Nee, absolut nicht. Ich glaube, es war ein guter Einstieg, um vielleicht auch zu sagen, hier, das sind Komponenten, die du nutzen kannst, wenn du was mit mir machen möchtest. Und dass er dominant ist. Also es gab Momente, wo ich das gemerkt habe, das waren Kleinigkeiten. Ich weiß noch einmal in der U-Bahn, die ist losgefahren und ich lehnte so an der Tür quasi und er ging so einen Schritt auf mich zu, legte seine Hand neben mich und schob so den Finger unter das Kinn und wollte dann, dass ich ihn küsse. Und ich dachte, ich war so, huh, okay.
Sebastian Also er formuliert, was er will und dann ist das gut. Wie lange hat es gedauert, bis das Paket kam?
Julia Zu lange natürlich, aber nein, das war okay und dann haben wir glaube ich auch, ich weiß noch, dass es ankam und ich glaube, er hat es sogar angenommen, weil ich arbeiten war und er zu dem Zeitpunkt studiert hat oder so und dann bekam ich ein Foto in der Mittagspause, es ist da und dann wurde das direkt abends ausgepackt und eingeweiht.
Sebastian Und eingeweiht. Okay, aber im Prinzip habt ihr ja so dieses vorbildliche, wir haben jetzt den Kram bestellt, wir haben ein paar Tage Zwangszeit, um uns Gedanken zu machen und dann können wir ja informiert Dinge machen, das heißt du legst dich hin und sagst mach mal. Also ich stell mir das ein bisschen krude vor, wenn dann der so der Moment ist, wo man dann sagt so hier ist der Kram und also war das eher spielerisch oder war das dann so und jetzt machen wir eine Session, wie sie im Lehrbuch steht.
Julia Nee, nee, das war sehr spielerisch. Das war auch, glaube ich, am Anfang eher so ein, wir gucken uns jetzt mal alle Sachen an und testen mal, was kann man damit machen und wie fühlt sich das an? Auch wie fühlt sich eine Nippelklemme an der Lippe an, am Finger, was ist das eigentlich? Also es war, ich glaube, in dem Sinne war es vielleicht gar nicht schlecht, dass ich vorher auch noch nicht viele Berührungspunkte hatte, weil es war für uns beide vieles das erste Mal und wir haben das zusammen getestet. Und das war eigentlich ganz schön, weil wir beide so ein bisschen dann ein ähnliches Tempo hatten. Ich war nicht so, ich habe schon Seiten gelesen und zack zack zack, das ist das Programm. Und er konnte eben auch ganz in Ruhe schauen.
Sebastian Ja cool. Und ja, ein bisschen rumprobiert. Aber wie hat es sich angefühlt? War das so ein Ja-Moment?
Julia Voll.
Sebastian Und es ist ja auch wichtig, dann auch zu hören, was er sagt. Wenn er sagt, ah war schön, aber nie wieder, ist ja auch blöd. Also so ein Gefühlsbad einfach, ne?
Julia Voll. Also es war sehr aufregend und ich war natürlich auch nervös, weil ich dachte, was ist, wenn das jetzt so gar nicht seins ist? Weil das hatte ich ja schon mal und wusste, auf Dauer wird's schwer. Aber keine Ahnung, vielleicht war das der Sechser im Lotto. Es war sein Ding. Es hat ihm voll Spaß gemacht.
Sebastian Okay, also er hat echt Blut geleckt.
Julia Ja.
Sebastian Darf ich fragen, was ist passiert an dem Abend?
Julia Ich weiß noch, dass es sogar, er hat sogar ein Foto gemacht, wie ich mit der Augenbinde da liege, gefesselt und meinte, ich glaube, ich hatte sogar den Knebel im Mund und er sagte nur, das kannst du dir dann später mal angucken, was ich hier mit dir gemacht habe und ja, das war schon irgendwie cool. Ich weiß gar nicht, ob wir tatsächlich dann auch Sex hatten oder ob es wirklich einfach reines Spielen war und mir die Augen verbinden. Das war auf jeden Fall der Punkt. Und dann einfach Sachen zu testen und zu machen. Und ich sehe halt nicht, was passiert.
Sebastian Ja, es ist auch dieses, man legt dann die Handfesseln an und dann sind die aber irgendwie am Bett eingehakt und plötzlich kommt so dieser Moment, jetzt kann ich mich im Grunde gar nicht mehr wehren. Wie hast du es empfunden? Also ja, schön, aber da sind ja auch noch andere Gefühle wie, ich bin jetzt ausgeliefert, er kann jetzt machen, ich habe die Kontrolle nicht.
Julia Es hat sich richtig angefühlt. Es war gar nicht so, dass ganz viele Gefühle in mir waren, sondern eher so ein, das ist jetzt gut. Und der Kopf war relativ leer. Ich war gespannt, was passiert, aber sobald die ersten Dinge passiert sind, war gar nicht viel Platz für irgendwelche Gefühle in meinem Kopf, weil ich so in diesem Moment drin war, dass es war einfach so, alle Sinne gingen nur dahin, was ich gerade erlebe und wie es sich anfühlt. Und das, also, ich glaube in dem Moment habe ich gemerkt, nee, ohne auf gar keinen Fall.
Sebastian Jetzt gibt es ja auch die Empfindung Schmerz, das tut ja weh, das ist ja aua. War das so?
Julia Das tut ja weh, ja, aber das ist ja schön. *lacht*
Sebastian Okay, jetzt sind wir wirklich bei SM. Diese Dominanz von ihm, also man probiert ja und dann sichert man sich ja auch zurück. Ist das okay, ist das zu fest und so? Dieser Switch hin zu und jetzt bin ich Herr der Situation. Kam das da schon raus?
Julia Am Anfang war das noch sehr vorsichtig und ich erinnere auch, dass wir in unserem ersten gemeinsamen Urlaub, dass wir auch mal getestet haben, andersrum, dass ich ihn fessele. Was für uns beide nicht ganz so cool war. Und irgendwie auch damit endete, dass ihm irgendwas ziemlich eingeschlafen ist und ich ziemlich viel Panik gekriegt habe, weil er meinte, irgendwie kribbelt gerade alles bei mir und ich dachte, oh was habe ich getan. Also am Anfang, ich würde sagen das erste halbe Jahr, war es wirklich viel probieren, viel drüber reden und irgendwann kam dann dieser Shift, wo wir gesagt haben, das soll mehr werden, das soll ja auch mehr, also wir wussten so, wo wir stehen, das sind die Dinge, die funktionieren, das sind das, was ich mag, was er mag und ich kann es dann auch so voll in seine Hand geben, weil ich ihm einfach da vertraue. Also es hat eine Weile gedauert, glaube ich, wir haben uns da sehr vorsichtig einfach rangetastet.
Sebastian Das perfekte Happy End.
Julia Ja.
Sebastian Vielleicht mag ich immer so ein bisschen auf die dinglichen Dinge schauen. Okay, man shoppt einmal. Und dann ist ja je nach Suchtfaktor kommt dann so dieses, oh was schaffen wir jetzt an, wo brauchen wir besseres Material. Weißt du noch so ganz grob, was so eine Anschaffung war, die vielleicht auch ein bisschen finanziell weh getan hat oder so ein Lieblingsding?
Julia Ich weiß gar nicht mehr, was es früher war. Doch irgendwann wurde es, ich habe zum Geburtstag, glaube ich, oder zu Weihnachten eine Spreizstange gekriegt. Ich glaube, das war schon was Besonderes. Das war zu Weihnachten, ich weiß es noch, da habe ich nämlich beim Glühweinabend sehr betrunken einfach einer Freundin davon erzählt und das war mir egal, dass alle mithören, aber ich fand es so cool, dass ich diese Spreizstange gekriegt habe. Also die war damals auf jeden Fall was, was mehr war und vor kurzem erst, was heißt vor kurzem, aber auf der Passion letztes Jahr, haben wir uns einen richtig, richtig schönen Flogger gekauft, der richtig lange, schöne Leder-Striemen hat. Auf der einen Seite so eher raues Leder, auf der anderen Seite glatt und der ist einfach so weich, der ist so super zum Aufwärmen und wir sind bestimmt eine Stunde über die Passion gelaufen, nur mit dem Ziel, den perfekten Flogger für uns zu finden. Und ja, der ist auf jeden Fall gerade so eins meiner absoluten Lieblingsobjekte.
Sebastian Also wirklich so eine Entwicklung immer mehr rein, immer ein bisschen mehr.
Julia Ja.
Sebastian Und immer ein bisschen schöner. Gibt es Sachen, die ihr ausprobiert habt, wo ihr dann auch beschließen musstet, das ist es vielleicht nicht?
Julia Ich glaube schon, dass es da einige gab. Ich überlege aber gerade. Wir haben viel an Grenzen getestet, würde ich sagen, und immer wieder mal zurückgerudert, mal gemerkt, was funktioniert, was funktioniert nicht. Und wir sind halt irgendwann dazu übergegangen, dass wir uns wirklich mal so einen ganzen Tag für eine Session Zeit nehmen. Das hat unterschiedliche Namen. Manchmal nennen wir es einfach den strengen Tag, manchmal ist es der kinky Tag oder die Tages-Session, wo er eben komplett das Ruder den ganzen Tag in der Hand hat. Und auch das war ein Prozess. Und er hat dann auch in diesen Tagen immer unterschiedliche Dinge probiert. Zum Beispiel hat er einen Tag probiert, mich sehr wenig direkt anzusehen, anzureden und hat mich sehr viel ignoriert. Und das war sehr viel. Viele meiner Aufgaben hatten damit zu tun, dass ich alleine bin oder Dinge mache, die gar nichts direkt mit ihm zu tun haben. Und das war was, was mir gar nicht gut getan hat, weil ich eben diese Dynamik wirklich brauche. Und also das hat sich einfach nicht gut angefühlt.
Sebastian Also dieses Miteinanderspielen ist dir wichtig. Wie weit kommt denn Sex in Sessions vor? Wie wichtig ist Sex? Also wirklich, ja, Koitus.
Julia Ist für Sessions nicht zwingend wichtig, ist aber oft Teil davon. Schließt sie aber, wenn dann auch eher ab. Also es ist oft so, dass wir etwas anfangen, auch wenn wir eben nicht eine Tagessession haben, sondern einfach mal zwischendurch im Alltag, dann wird irgendwas gemacht. Keine Ahnung, Spanking oder so. Und meistens endet es dann mit Sex, aber muss auch nicht irgendwie. Also das ist sehr unterschiedlich.
Sebastian Gibt es noch Sex ohne BDSM? Ohne irgendwelche Elemente? Ich meine wahrscheinlich eh schwierig, wenn man weiß, was funktioniert.
Julia Ja, ich würde immer sagen, also es ist kein Vanillasex mehr, es ist vielleicht Spaghetti-Eis mit Erdbeersoße. Also es ist so ein bisschen. Es gibt halt auch Sex, der eher wie Kuschelsex anfängt, aber er hat immer irgendeine Komponente. Es ist vielleicht, dass ich dann eben doch mal gewürgt werde oder dass ich dann eben als Schlampe angeredet werde oder mal eine Ohrfeige kriege. Ohne ist schwierig geworden.
Sebastian Ich finde spannend, weil deine Stimmung, also auch deine Mimik und Gestik gerade, das geht alles gerade so, haaa, darüber zu reden, das ist schön. Lass mal gucken, also bevor ich hier das Thema gleich nochmal ein bisschen wechsle, das werde ich tun, das habe ich versprochen und das möchte ich auch, aber vorher mag ich schon mal ein bisschen gucken, weil ich hab, interessanterweise, das hab ich normalerweise nicht, hab ich hier eine relativ lange Liste mit Dingen, die... Du gerne machst, also die dir gefallen. Und hier steht sowas wie "tanz mal". Und "tanz mal" ist so, das wäre für mich der absolut wunde Punkt. Im Prinzip ganz viel ist hier unter dem Punkt, also eigentlich könnte ich das ja neu einrücken, Erniedrigung, das ist alles davon Unterpunkte. Und Erniedrigung, ja erst mal vielleicht jetzt da die Frage, das ist ein Thema, das ist relativ selten hier im Podcast. Was ist das für dich?
Julia Oh, das ist eine spannende Frage. Erniedrigung ist für mich, wenn Dinge mir befohlen werden oder mit mir gemacht werden, die erstmal vielleicht viel mit Scham zu tun haben, mit Dingen, die mir vielleicht unangenehm sind, die mich vielleicht auch als Person herabsetzen, gerade gegenüber meinem Partner, die mich vielleicht manchmal auch einfach eher zu einem Objekt seiner Lust machen, als zu einer Person.
Sebastian Du wirst zum Objekt. Also er sagt, du bist jetzt, ich guck auf meine Liste, es ist so schön sie zu haben heute, Fußhocker. Ja. So, jetzt ist er, also er sitzt auf einem Stuhl, er legt seine Füße, ich vermute, auf deinem Rücken ab und jetzt bist du da. Warum ist das erniedrigend?
Julia Weil wir dann nicht mehr auf Augenhöhe sind. Und ich eben, ja, ich werde für etwas, ich glaube, man könnte sagen, Erniedrigung ist für mich auch für etwas benutzt zu werden. Also wirklich sehr passiv zu sein. Er sitzt dann auf dem Sofa, liest sein Buch, seine Füße auf meinem Rücken und das ist mein einziger, ja, das einzige, was ich dann in dem Moment zu tun habe. Und er entscheidet, wie lange das geht und ich habe da kein Mitspracherecht mehr.
Sebastian Also wirklich diese Kontrollabgabe und Verantwortungsabgabe und auch, dass deine ganzen sonstigen geistigen und körperlichen Fähigkeiten im Prinzip nicht gefragt sind.
Julia Ja, nicht wichtig sind.
Sebastian Dann einfach nur, du existierst halt. Ist das für dich lustvoll erniedrigt zu werden?
Julia Ja, schon.
Sebastian Aber was denkt man als Fußhocker, oder wenn man zum Beispiel den Napf vorgesetzt bekommt und sagt, hier, da, bitteschön, und macht den Boden nicht so dreckig?
Julia Ich weiß gar nicht. Ich denke in den Momenten wenig, weil mein Kopf ist dann leer und das ist ein sehr gutes Gefühl, weil ich das sehr oft nicht habe. Es ist einfach so ein, hier wird jetzt bestimmt was ist und ich muss mir darüber halt auch einfach keine Gedanken machen. Und das ist irgendwie in dem Moment, ich glaube, es ist diese komplette Machtabgabe, die ich erregend finde. Dieses, was immer er jetzt meint, was ich sein soll oder machen soll, das entscheidet er und ich halt nicht.
Sebastian Also ich hätte ja so Gedanken wie, wie kann er nur? Oder der spinnt doch, ich füge mich jetzt, aber... Also dass es in dir so ein bisschen auch brodelt vielleicht.
Julia Absolut. Und ich glaube das ist auch so ein Punkt, ich war am Anfang unserer BDSM Reise teilweise auch sehr bratty. Ich hab dann öfter mal nicht sofort Dinge gemacht, hab gerne mal widersprochen. Und ich glaube, das war am Anfang wirklich ein Austarieren. Gebe ich diesen Menschen jetzt die Macht über mich? Weil unabhängig von unserem BDSM-Gefüge sind wir komplett auf Augenhöhe und komplett gleichwertig. Und ich weiß, dass dieser Mensch mich unglaublich respektiert. Und da ist ein gegenseitiger Respekt. Und ich muss mir dessen total sicher sein, sonst würde ich das nicht mit mir machen lassen. Und ich muss mir auch sicher sein, dass er das Zeug dazu hat, in dem Moment die Macht zu übernehmen. Und das fordere ich dann, oder habe ich gerade am Anfang rausgefordert, indem ich gesagt habe, nee, mache ich jetzt nicht. Und dann mal gucken, was passiert.
Sebastian Wie fängt man denn eine Session an? Das ist nämlich eine der häufigsten Fragen, die ich immer bekomme. Ja, da ist man im Alltag auf Augenhöhe. Wie legt man dann los? Macht man einen Termin oder hat die Brat einfach beschlossen, dass sie ihm vor die Füße spuckt und sagt, mach doch selber.
Julia Ja.
Sebastian Ja? Okay, ich will es ja nicht immer vorwegnehmen, entschuldige. Ich dachte, das ist jetzt eine blöde Idee und du widersprichst mir.
Julia Nee, nee, es ist unterschiedlich. Wenn wir so eine Tagessession haben, dann wird das natürlich geplant vorher, weil das halt einfach ein Zeitrahmen ist. Wir sind beide auch viel unterwegs. Das muss halt einfach geblockt werden. Das ist meistens an einem Wochenende. Aber so im Alltag mache ich oft Spieleinladungen, er macht die auch, er macht die natürlich dann anders, um eben abzuklopfen, hey, bist du gerade in der Stimmung? Hast du gerade Lust dominant zu sein? Wäre dann quasi das, was ich erreichen will. Und ich deute gerne an, dass ich spucken würde. Ich möchte ihn natürlich eigentlich nicht anspucken, aber ich möchte gucken, wie reagiert er darauf, wenn ich das jetzt tun würde. Dann ist es vielleicht mal eine Hand im Nacken, die mich dann nach unten zwingt. Im schlimmsten Fall werde ich dann vielleicht selber angespuckt. Also Spucken ist auf jeden Fall oder das Andeuten ist so eine meiner typischen Einladungen geworden. Das waren früher auch andere Mechanismen, dass ich ihn manchmal auch so herausfordernd angeguckt habe und irgendwas eingefordert habe und geguckt habe, wie reagiert er jetzt darauf, ist er gerade in Stimmung.
Sebastian Wo sind denn die Grenzen? Also ab wo? Gerade bei Erniedrigungen ist es ja manchmal auch ein bisschen zu viel dessen, ne? Ja, Scham und dass das auch da in diesem eigenen Saft schmoren und sich dessen bewusst sein, okay. Aber ab einem gewissen Punkt wird es ja auch, ich sag mal, persönlich. Und das ist, glaube ich, in der Richtung immer sehr schwierig. Gibt es da Grenzen?
Julia Ja, definitiv. Und die wurden sicherlich auch unbeabsichtigt am Anfang mal überschritten und dann muss man halt austarieren, weil ich dann teilweise sehr heftig reagiere. Und das ist zum Beispiel alles, was dahingeht, mich als dumm oder so zu bezeichnen oder sehr unfähig. Also auch da gibt es eine Grenze. Manches ist okay. Aber sobald ich das Gefühl habe, das geht jetzt echt gerade darum, dass ich ein absolut dummer Mensch bin, ist es nicht cool. Alles, was mit meiner Figur zu tun hat, darf kein Thema sein, weil ich da selber einfach ein großes Thema mit habe. Solche Dinge, also mich als nicht ... Ja, fähig zu sehr zu bezeichnen, das ist, glaub ich, das. Es ist schwierig, da den Grad zu finden. Aber er kennt ihn inzwischen sehr gut, weil er mich sehr gut kennt. Er weiß, was okay ist und wo ich auch einfach Punkte habe, die zu viel sind, die nicht gut sind.
Sebastian Also die Handlung als solche ist okay, die darf ja niedrigend sein, aber ich glaube, wenn das formuliert.
Julia Genau, das Verbale.
Sebastian Also okay, verbal, das tut ja auch dann nochmal mehr weh.
Julia Absolut, das ist sowas. Es ist was völlig anderes, mich auf den Boden zu drücken oder, weil ich vielleicht mal ins Badewasser gespuckt habe, mich mit Kleidung in die Badewanne zu ziehen.
Sebastian *lacht* Vielleicht, ja.
Julia Eventuell... *lacht* Ich reagiere eh sehr stark auf Worte und die können halt echt hart verletzen und das weiß er.
Sebastian Ich versuch's mal mit so einem Mischding. Sieh dich nur an, du schlabberst hier aus einem Napf und da geht alles daneben. Das ist definitiv erniedrigend, weil es ist so dieses Spiegel vorhalten, nochmal die Unfähigkeit anständig und sauber aus einem Napf irgendwie Spaghetti zu schlabbern, keine Ahnung. Das ist ja verbal, aber bezieht sich auf das, was du eh tun musst, die Ausrede ist ja eher. Also ist das noch im Rahmen?
Julia Das ist voll okay, weil es ist ja auch einfach nichts, was ich alltäglich mache. Also in dem Moment. Wenn er jetzt sagen würde, also ich schreibe viel, auch beruflich bedingt, aber auch einfach so und wenn er jetzt sagen würde, das was du da machst, ist ja einfach der furchtbarste Dreck überhaupt, das wäre unter die Gürtellinie, das geht nicht. Weil das hat etwas mit dem zu tun, was ich bin und was mich sehr stark ausmacht. Aber mir zu sagen, dass ich jetzt vielleicht nicht vorbildlich aus dem Napf essen kann, das ist okay, weil...
Sebastian Weil er ja auch irgendwo verantwortlich ist für die Situation.
Julia Richtig.
Sebastian Man könnte dann, wenn man nicht da unten wäre, könnte man ja auch sagen, du hast den falschen Napf gekauft. Also man könnte zurückschießen. Tust du wahrscheinlich auch.
Julia Selbst schuld, wenn du mir da Reis rein tust. Schon mal selber probiert? Ja, sowas kommt dann auch mal.
Sebastian Okay. Klingt aber nach einer schönen Dynamik. Dieses, ihr sprecht beide Einladungen aus. Und auch wenn es da so ein bisschen das Kopfding ist, auf das du ansprichst, so ist es ja trotzdem, Oh ja, ich find den schmalen Grad da spannend. Okay, also ich würde jetzt Erniedrigungen ganz stark in die DS-Schiene reinziehen und DS ist ja wieder auch ein großes Feld und auch wenn das Publikum mich jetzt hassen möge dafür, ich komme natürlich immer mit dem selben Ding. Bestrafung, Konsequenzen, Dokumentieren, immer wiederkehrende Handlungen und Aufgaben. Also dieses ganze Feld und dann eben auch letztendlich 24/7 Machtgefälle, Du merkst, das sind jetzt eigentlich 120 Fragen in einem Satz formuliert. Wie weit darf das Richtung Alltag gehen und wie weit ist DS, also wie DSig ist es und wie weit darf es sich ausweiten?
Julia Im Alltag ist es mir wichtig, dass wir da nicht zu sehr irgendwie ein DS-Gefüge haben. Gerade was sich auch vielleicht in meine eigene Entwicklung einbezieht, weil dafür möchte ich selber immer die Verantwortung tragen. Es gibt sicherlich schon Momente, ich bin unglaublich schlecht darin, krank zu sein und dann kommt schon manchmal ein sehr strenger Meister durch, der eben sagt, so Fräulein und jetzt aber sofort wieder ins Bett und du schläfst jetzt, was okay ist dann. Ansonsten ist mir wichtig, dass das eher in der Session bleibt, weshalb auch sowas wie 24-7 nicht für mich funktionieren würde einfach. Ich brauche diese klaren Grenzen.
Sebastian Wenn du bis nächste Woche die Steuererklärung nicht gemacht hast, dann gibt's 100 auf den Arsch. Also Alltagssituation und dann aber BDSM-Komponente und Bestrafung/Motivation/Antrieb.
Julia Nicht so meins.
Sebastian Okay.
Julia Nee, das funktioniert glaube ich nicht so gut. Außer es ist so sehr spielerisch dann. Dann ist es okay, wenn ich weiß, er meint es jetzt nicht wirklich und will da irgendwie einen Teil von meinem eigenen Leben kontrollieren. Ich glaube, damit hätte ich ein Problem, weil ich da einfach gerne die Kontrolle behalte. Und ich gebe sie ihm dann gerne bewusst in Situationen ab.
Sebastian Ja, finde ich aber gut, dann auch zu sagen, ich grenze es ab, aber darin kann ich dann eben auch dann alles machen.
Julia Ja.
Sebastian Aber eben, es gibt ja diesen, ich sag mal, man sagt immer Caring-Aspekt, dieses mein Gegenüber, die Top-Person, die schaut ein bisschen, dass ich mein Leben in den Griff kriege, dass ich mich jetzt vor zwei Wochen, vor vier Wochen, gesund ernähre und solche Sachen. Das wäre für dich aber eine Grenzüberschreitung.
Julia Ja, voll.
Sebastian Okay, also es muss immer quasi die rote Lampe angehen. Wir sind jetzt im Live-Spielbetrieb. Und jetzt kannst du mir auch was zu essen vorsetzen, aber sonst halt dich raus.
Julia Voll, dann ist es auch okay, wenn ich mal irgendwie 100-mal ich bin eine schlechte Sub, weil ich das und das nicht getan hab, schreiben muss oder so. Also in so einem Kontext ist das total okay. Aber mir ist es halt wichtig, dass ich die Verantwortung dafür trage, was ich im Alltag so tue. Und ich möchte das gar nicht, also auch für ihn, nicht ihm überlassen, kümmer dich mal darum, dass ich mein Leben geschissen kriege, weil das will ich lieber selber geschissen kriegen.
Sebastian BDSM ist ein, das ist der Bereich zum Spaß haben, Punkt.
Julia Ja.
Sebastian Ein schönes Spielfeld.
Julia Voll.
Sebastian Okay. Das heißt 24/7 ist damit im Grunde auch ausgeschlossen.
Julia Ja.
Sebastian Es sei denn es ist sowas wie besorgt mal bis nächste Woche das und das Spielzeug, damit wir dann die, also aber das ist dann vielleicht auch, wenn es dann nicht klappt, das ist dann wieder so ein bisschen drin, also ich versuche so ein bisschen diese Graubereiche zu finden, aber ich glaube das macht ihr dann intuitiv schon ganz gut.
Julia Genau, so Graubereiche werden dann halt immer individuell verhandelt, würde ich sagen. Und dann guckt man halt, ich spreche halt auch sehr stark darüber, wenn mich was irritiert. Und dann würde man halt gucken, warum war das jetzt so? Ist das okay? Wie können wir das anders machen? Und umgekehrt macht er das genau so.
Sebastian Lacht ihr viel beim Spielen?
Julia Teilweise.
Sebastian Vielleicht er mehr als du.
Julia Er findet ja oft unglaublich witzig, wenn ich mich winde, wenn ich mich ziere zu tanzen, wenn es mir befohlen wird, dann gibt es den Anfangspart, wo er das noch witzig findet und irgendwann, er hat einen unglaublich strengen Blick drauf und wenn der kommt, weiß ich, jetzt ist vorbei. Also jetzt muss ich oder Konsequenzen.
Sebastian Geht ja so eine Session häufiger mal in Sex über und dann, ja, dann wird geschlafen. Also wie ist das rauskommen? Es geht ja auch ganz oft um Aftercare und um wieder gemeinsam diese Alltagshöhe zu finden. Gerade wenn Erniedrigung im Spiel ist, wie findet ihr da zurück?
Julia Also wir versuchen eigentlich, wenn es sich ergibt, nicht direkt nach dem Sex einfach einzuschlafen. Und es hat sich auch herausgestellt.
Sebastian Ja, er, nicht du, ne? Das ist ja dann auch ...
Julia Ähm, das, ähm ... Grad in so Tagessessions hat es sich jetzt ganz gut herausgestellt, wenn wir auch zwischen den einzelnen Sachen, die wir tun, immer mal so eine kleine Aftercare einschieben. Weil wenn dann irgendwie ein Spiel mit sehr viel Erniedrigung zu tun hatte, dann gibt es halt mal kurz den Break, und wir sitzen zusammen im Bett, kuscheln, reden darüber. Er sagt mir, ich bin stolz auf dich, dass du das durchgehalten hast, dass du das gemacht hast, das ist dann nochmal die Rückversicherung und dann geht das eigentlich weiter.
Sebastian Da du am Anfang ja was von Massage erzählt hast, also gibt es das noch? Bekommst du Massagen? Ja, eventuell, wenn der Popo eh gerade rot und blau ist, dass man eventuell den nochmal besonders durchwalkt, man muss ja pflegen. Also gibt es auch diesen Aspekt, dass er einfach dann auch dir was Gutes tut außerhalb der Session?
Julia Ja, definitiv, den gibt es. Umgekehrt hat er Fußmassagen sehr für sich entdeckt zu meinem Leidwesen. Also es gab mal eine Tagessession, wo ich ihm glaube ich vier oder fünf Fußmassagen geben musste. Und ja, aber umgekehrt kümmert er sich da auch um mich und auch in anderen Bereichen sehr viel. Also da übernimmt er dann schon einen Caring-Aspekt, der aber eben unabhängig vom DS-Gefüge wäre, würde ich sagen.
Sebastian Habt ihr mal eine Session gehabt, die ich sag mal zu lang ging, wo ihr dann gemerkt habt, also jetzt so langsam sind wir platt, wir müssen da jetzt mal raus. Man nimmt sich ja manchmal was vor, morgen machen wir ja einen ganz strengen Tag von morgens bis abends. Und zum Mittagessen, oh nee.
Julia Ja, tatsächlich. Es gab einmal die Situation, das war der Tag, an dem ich gelernt habe, dass ich scheinbar zu multiplen Orgasmen fähig bin. Das war mir vorher nicht bewusst, weil ich bin ein sehr, sehr, sehr sensibler Mensch und wenn ich einmal einen Orgasmus hatte, dann bin ich auch so, okay, erst mal bitte nichts weiter da dran. Ich muss erst mal klarkommen. Aber wenn man gefesselt auf einem Tisch liegt, dann hat man dieses Mitspracherecht ein bisschen verwirkt. Und ja, dann lag ich da und es waren einige Orgasmen und ich war danach so fertig. Es war vielleicht 17 Uhr und ich bin einfach eingeschlafen. Also das war sowas, wo wir gemerkt haben, okay, sonst so bis 20 Uhr. Aber es ging einfach nicht. Und wir hatten, ich glaube, am Pfingstwochenende hatten wir nochmal eine Tagessession gemacht. Und eigentlich starten die immer so, also es gibt da so Rituale, dass ich abends gesagt kriege, was ich vom Bäcker zu holen habe. Und dann gehe ich los und gehe für das Frühstück einkaufen morgens. Er schläft dann meistens noch. Und an diesem Tag war das anders. Er wollte, dass wir zu Hause frühstücken. Und ich habe unglaublich lange geschlafen, was mir sonst nie passiert. Und das war so aufstehen und es geht sofort los. Und ich hab gemerkt, boah, das kann ich nicht. Dieses Ritual, zum Bäcker zu gehen, mir dann selber noch mal, das darf ich dann auch, einen Kaffee zu kaufen und den zu trinken und warten, bis er wach wird, das ist für mich so ganz wichtig, um in meinen Subspace zu kommen. Und diese Komponente war auf einmal weg. Und er war vor mir wach und das war so, okay, jetzt wach mal auf und rein da mit dir. Ging nicht, war für mich voll schwer und ich musste dann sagen, sorry können wir nochmal eine halbe Stunde kurz, ich krieg das grad, ich komm irgendwie nicht rein und das war dann aber auch okay.
Sebastian Aber das wäre schön, wenn das nicht so ganz, wenn du nicht funktionieren musst als Sub. Wenn es okay ist, erst dann Sub zu sein, wenn du es bist.
Julia Es ist mir schwergefallen, das zu kommunizieren, weil ich möchte das natürlich gerne. Und ich möchte nicht sagen, jetzt geht's grad doch nicht. Weil ich will ihm ja eigentlich diese ganze Macht dann in dem Moment geben. Und dann zu sagen, nee, jetzt nicht, fällt mir manchmal nicht so leicht im ersten Moment. Aber es war ja auch für ihn dann einfach nicht schön zu sehen, irgendwie kriegt sie hier grad gar nichts auf die Kette. Und dann war das auch voll gut. Und er meinte dann auch, es ist besser so, als wenn du dich jetzt hier irgendwie durch den ganzen Tag quälst und wir beide gar keinen Spaß haben.
Sebastian Ich mag nochmal, weil Kommunikation ist ja bei euch beiden wirklich, zumindest höre ich das raus, das ist so, ihr müsst aneinander hängen kommunikativ, damit ihr wisst, wo seid ihr jeweils, damit ihr das auch genießen könnt. Da wäre jetzt nochmal so der Knebel als Werkzeug nochmal so ein Ding, weil das ist ja durchaus erniedrigend, es nimmt dir aber auch eine Kommunikationsmöglichkeit und ihm auch eine Information weg. Ich orakle jetzt einfach mal, das müsste besonders spannend sein.
Julia Voll. Wir nutzen es tatsächlich gar nicht so oft, obwohl ich Knebel eigentlich sehr gerne mag. Gerade eben aus diesem Erniedrigungsaspekt heraus. Schön, wenn die Sabber dann so runterläuft.
Sebastian Die ganzen Klamotten und dann ist das alles eingesaut und dann muss man das alles wieder waschen und ob das überhaupt rausgeht, wenn dann noch welche Schminke mit bei rausläuft und überhaupt dieses Hochziehen immer, das sollte man eh verbieten, weil das klingt immer nur scheußlich. Also nicht hochziehen, sondern laufen lassen und am besten vorm Spiegel.
Julia Ja, genau. Also ich glaube eins, das war auch damals sehr schlimm für mich, da sollte ich mit Knebel im Mund eine Geschichte erzählen. Und ich fand das so furchtbar, weil ich ja einfach nicht sprechen konnte. Das war schon hart an der Grenze für mich. Aber ja, diese Dynamik, also er nutzt es dann halt auch bewusst eben für sowas. Dann erzähl doch mal, wie war denn dein Tag gestern? Und dann sitzt du da und bist so, ja gut.
Sebastian Wenn er dann sagt, ich verstehe nix, red deutlich, ja. Das ist auch wieder, das ist gut, ja.
Julia Das ist böse gut, ja.
Sebastian Ich mach jetzt mal so einen thematischen Cut und geh mal in die ganz andere Richtung, weil das hat auch ganz viel Impact zum BDSM hin, aber nicht nur. Angst. Reden wir mal über eine Angststörung, die du hast oder hattest?
Julia Das ist schwer zu sagen. Ich habe gelernt, dass ich wahrscheinlich diese Angststörung mein Leben lang haben werde. Ich kann inzwischen aber steuern, wie sehr sie meinen Alltag beeinflusst.
Sebastian Generalisierte Angststörung ist der Fachbegriff?
Julia Korrekt.
Sebastian Wie kommt es?
Julia Ähm, ja, ich versuch's kurz zu machen, aber eine Angststörung, also, man weiß nicht so hundertprozentig, wodurch so eine generalisierte Angststörung entstehen kann. Man vermutet erbliche Faktoren, traumatische Ereignisse und einfach vielleicht auch ein hohes Stresslevel. Und ich kann für mich sagen, dass all diese drei Komponenten bei mir zutreffen. Also, ich war schon als Kind sehr vorsichtig, immer sehr ruhig, zurückhaltend, immer erst mal lieber beobachtet, bevor ich agiere. Also da war schon so eine gewisse Präferenz für vorsichtig sein, für sehr sensibel die Umgebung wahrnehmen. Und ich habe leider in der 8. und 9. Klasse eine sehr heftige Mobbing-Erfahrung erlebt, durch vermeintlich sehr enge Freundinnen, die sich gegen mich gewendet haben. Und es war zu dem Zeitpunkt halt einfach schwer, weil man ist eh in so einer Phase mit 15, 16, wo man noch nicht so richtig weiß, wer bin ich, wer will ich sein? Und man hat dann eigentlich seine Peergroup. Und wenn die sich auf einmal von einem abkehrt und sagt, du bist eigentlich ziemlich scheiße, ist das schwer für den eigenen Selbstwert einfach. Und das war etwas, was mich unterbewusst immer beschäftigt hat, weil ich damals auch nicht die Möglichkeit hatte, das adäquat anzugehen und zu gucken und vielleicht die Hilfe zu kriegen zu dem Zeitpunkt, die mir sagt, nö, ist eigentlich gar nicht so. Du bist okay, so wie du bist. Und dann kann man quasi sagen, dass dadurch mein Gehirn vielleicht einfach schon immer ein bisschen mehr in Alarmbereitschaft war, als das von anderen Menschen. Und ja, 2018 habe ich ja im Januar mit meinem Mann Schluss gemacht, habe diese neue Beziehung eingegangen, habe dadurch sehr spontan und sehr schnell einen neuen Job in Hamburg finden müssen, weil eigentlich war der Plan, dass ich zurück in die Heimat gehe und habe dann sowohl einen sehr guten Freund als auch meine Großmutter in dem Jahr verloren. Also das waren einfach so ein paar viele Stresspunkte, die krass waren. Sowohl positiver Stress, weil ich habe ja auch einfach sehr schöne, viele erste Male mit meinem jetzigen Partner gehabt, aber auch sehr viel belastender Stress. Und man kann sich das so ein bisschen vorstellen, dass dann die Zentrale für Gefahr in meinem Gehirn, die Amygdala, ein bisschen viel Feuer abgekriegt hat und dachte, okay, irgendwie ist hier ein bisschen viel los. Und dann fing es an, dass ich 2018, als sich dann dieses Jahr beruhigt hatte und ich an Weihnachten zu Hause war, hatte ich, ohne es zu wissen, meine erste Panikattacke. Ich saß im Bett und dachte, okay, ich glaube, ich sterbe jetzt gleich. Und das hat sich ein ganzes Jahr gezogen, in dem ich immer wieder zu Doktoren gegangen bin und meinte, ich habe so Herzrasen, ich glaube, ich habe was mit dem Herzen, ich kriege keine Luft mehr, vielleicht habe ich was mit der Lunge. Bis ich mir dann irgendwann eingestanden habe, nachdem mir mehrere Ärzte mehrmals gesagt haben, sie haben ein sehr gesundes Herz, sie haben eine sehr gesunde Lunge, ist vielleicht doch was mit dem Kopf.
Sebastian Es ist einfach da, viel Impact und damit muss man umgehen, dann nimmt man das vielleicht auch gar nicht so ernst. Also du bist zu Ärzten gegangen, weil du hast diese Attacken, die sind dann wirklich, geht das nach zwei Minuten wieder weg oder wie hat sich das geäußert?
Julia Also Panikattacken gehen nicht so lange, das ist okay. Angstattacken können deutlich länger gehen, die können halt auch mal so einen ganzen Tag andauern. Und man kann sich das so ein bisschen vorstellen wie, vielleicht kennen manche das Gefühl, man steht irgendwie am Abgrund, guckt so runter und denkt sich so, wenn ich jetzt hier runterfallen würde, es ist sehr hoch und man hat dann so dieses komische angespannte Gefühl im Körper, so Herz rast ein bisschen, fühlt sich wie so ein Klumpen in der Brust an, das hab ich halt einfach dann den ganzen Tag dauerhaft.
Sebastian Oh Gott, also ich hab das, das Publikum weiß das schon, ich hab ja mein Problem mit Höhe, da geht mir die Pumpe, da kommt so ein Schwindel und ich lasse mich mit purer Absicht nie davon abbringen, die Sache zu machen. Den blöden Eiffelturm bin ich auch hochgestiefelt und das war eine Herausforderung. Ich mache es, aber es kostet mich eine Menge Selbstüberwindung und dass ich meinem Kopf auch klar mache, das ist hier safe. Es braucht so meine Zeit, um mich selbst davon zu überzeugen, das fühlt sich aber trotzdem nicht locker flockig an. Das ist schwer! Also es ist dann wirklich, ich hab Heidenrespekt vor der Situation, obwohl sie eigentlich total entspannt sein könnte, aber irgendwas in meinem Kopf sagt mir, das ist nicht entspannt. So stelle ich mir das gerade so vor, aber länger. Es ist irgendwas, also gibt es einen Auslöser, irgendwas wovor diese Angst dann da ist oder ist es einfach Angst vor der Welt?
Julia Es ist unterschiedlich und ich glaube es ist auch bei jedem Menschen, der eine generalisierte Angststörung hat, individuell. Aber es ist halt oft so, man hat dieses Angstgefühl, das wird vielleicht durch irgendwas getriggert. Man hat irgendeine Erfahrung gehabt und dann besteht diese Angst ja sehr lange. Und das Gehirn ist ja nun mal so angelegt zu sagen, okay, wir haben gerade irgendwie Angstsymptome, das muss ja hier außen irgendwas sein. Und dann fängt der Kopf an, sich Gründe zu suchen. Bei mir hat sich das sehr stark... Also Bahnhöfe waren schlimm. Ich hatte einmal einen Angstmoment an einem Bahnhof und hatte halt immer wahnsinnig Angst, wenn die Züge einfahren, so was als wenn mich jetzt wer aufs Gleis schubst oder so. Das sind wirklich keine sonderlich gut begründeten Dinge. Ich hatte auch eine sehr starke Krankheits- oder Gesundheitsangst, sagt man, glaube ich, dass ich nicht joggen gegangen bin, weil dann schlägt das Herz ja auch sehr schnell. Und ich dachte, ich kriege bestimmt einen Herzstillstand, wenn ich jetzt laufen gehe. Das klingt, glaube ich, für Außenstehende bizarr, weil es gibt keinen Grund, diese Angst zu haben. Aber sie ist dann halt auf einmal da. Und dann gibt es halt wirklich Situationen, die man anfängt zu vermeiden, weil man in diesen Situationen mal Angst erlebt hat. Und denkt, das liegt ja an der Situation, die kommt bestimmt wieder. Aber eigentlich stimmt das gar nicht.
Sebastian Jetzt überschneidet sich ja das mit, ihr habt mit BDSM angefangen. Wenn man jetzt auf dem Drahtseil balancieren will und dann kommt noch so eine, ich sag mal, nicht diagnostizierte Angststörung dazu, dann ist ja die Angst vor der Angst, oh Gott, also inwieweit sind diese Session-Momente, also inwieweit hat das einen Impact gehabt? Konntet ihr weniger spielen, gingen bestimmte Dinge nicht oder hat das irgendwie einen Einfluss darauf gehabt?
Julia Ich hab da irgendwie Glück, weil das es relativ wenig aktiv beeinflusst hat. Also es war nicht so, dass ich gefesselt oder mit Augen verbunden am Bett lag und auf einmal kam die Angst. Das war gut.
Sebastian Aber vielleicht vorher die Angst vor der Angst, die könnte dann ja kommen. Also lassen wir das lieber.
Julia Nee, tatsächlich. Irgendwie ist für mich BDSM so sehr Kopf ausschalten, dass es auch Angstgedanken ausgeschaltet hat. Also, das hat mir immer gut getan, weil ich dann eben nicht in diese krassen ... Also, wenn man eine Angststörung hat, ist das sehr viel dieses Overthinking. Man fängt an und überlegt und was, was, was. Das ist aber einfach weg, wenn ich in meinem Subspace bin. Und das war gut. Es ist aber natürlich so, wenn man permanent so ein krasses Stresslevel hat, was einfach dann der Fall ist bei einer Angststörung, dass natürlich man nicht ... einfach weniger Lust hat, phasenweise. Das merke ich jetzt auch. Wenn ich einer aktiven Angstphase bin, dann ist es nicht das Erste, was ich denke irgendwie, oh cool, lass mal Sex haben.
Sebastian Aber wenn er das sagt, ist das so, also es ist so ein bisschen die Idee, du wusstest ja nicht genau was und wie, aber BDSM tut ja an sich gut. Man könnte ja jetzt überlegen, wenn die Angst zuschlägt, dann könnte man ja BDSM irgendwie therapeutisch einsetzen. Also das ist immer was, wovor ich immer wo mir aber auch ein Jörg Signerski sagte, naja, mach doch Dinge, die gut sind, und wenn das gut ist, dann ist das halt gut. Mal sehr vereinfacht gesagt. Also inwieweit, BDSM vielleicht auch was, um mal zu sagen, ich werde das mal grad los.
Julia Ich glaube, dass BDSM für mich schon ein großer Punkt ist, um Stress abzubauen, und das ist gut. Ich würde es aber für mich persönlich nicht therapeutisch anwenden, weil ich da einfach das Risiko sehe, man denkt dann, okay, das ist jetzt mein Heilmittel, ich muss jetzt BDSM haben, um die Angst zu besiegen. Aber ich möchte BDSM haben, weil es mir Spaß macht, weil das für mich ganz viel mit meiner Identität zu tun hat. Ich möchte oder wollte auch damals nicht, als es so akut war, dass sich das irgendwie, dass dieser Stellenwert sich ändert. Also ich sehe BDSM als etwas, was mir gut tut, auch in Angstphasen, was mir hilft, mal richtig den Kopf abzuschalten und das ist schön. Aber ich glaube, wenn ich es nur gegen die Angst benutzt hätte, hätte das auf Dauer auch für unser BDSM einfach keinen guten Impact gehabt.
Sebastian Inwieweit wusste er auch was? Vielleicht macht man das ja auch mit sich selbst aus. Nee, mir geht's grad nicht gut, ich hab Kopfweh, irgendwelche Ausreden. Gerade wenn man selber nicht genau weiß, was los ist.
Julia Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch und es war einfach auch so, dass ich es oft gar nicht verstecken konnte, weil dieses plötzliche Atemnot kriegen, das äußert sich halt einfach damit immer noch, dass ich einfach sehr plötzlich Luft einatme und mir an die Brust fasse. Ich hab das damals sehr klar kommuniziert, dass ich mir Sorgen mache, dass ich irgendwas habe, dass vielleicht was gesundheitlich nicht mit mir stimmt. Und er wusste darum. Und er war dann auch ... Also, die Entscheidung, mir dann irgendwie therapeutische Hilfe zu suchen, hab ich erst mal sehr für mich getroffen. Weil ich oft solche Dinge erst mal mit mir selber ausmache, bevor ich sie mit anderen kommuniziere. Aber auch das hab ich ihm, nachdem mir das klar war, kommuniziert und gesagt, du, ich glaube, ist da ein anderes Thema, was im Argen liegt und ich muss mich da mal um was kümmern.
Sebastian Also dein Partner hat gesagt, lass mal gucken oder das hast du selber beschlossen?
Julia Ich hab's beschlossen, genau.
Sebastian Ist ja gar nicht so einfach, dann jemanden zu finden, mit dem man mal sprechen kann. Hat das geklappt?
Julia Ja, das ist, es ist wirklich schwierig und wenn man eine Angststörung hat und vielleicht auch einfach eh mit sozialen Situationen überfordert ist, ist es halt nicht toll, dass alle TherapeutInnen in Deutschland nur bei Telefon meistens zu erreichen sind, weil es einfach keinen Spaß macht, sich sehr viele Absagen zu holen und das war so, aber ich hatte dann irgendwie Glück, weil ich habe relativ schnell jemanden gefunden. Das heißt, ich, als ich vom Zeitpunkt, ich beschließe, dass ich mir externe Hilfe suchen muss, weil das Problem größer ist, als dass ich es bewältigen kann, zu dem Zeitpunkt, dass ich die erste Therapiesitzung hatte, sind nur so zwei Monate vergangen und ich glaube, das ist für Deutschland ein ganz guter Schnitt.
Sebastian Hat's denn geholfen?
Julia Ich habe ein paar Anläufe gebraucht, den richtigen Therapeuten zu finden für mich. Es gibt ja verschiedene Therapieverfahren und das wusste ich aber alles nicht, als ich angefangen habe. Ich habe erst einen Tiefenpsychologen gehabt und das war für den Anfang gut, weil Tiefenpsychologen gucken immer sehr, was ist denn in deiner Vergangenheit und in deiner Kindheit passiert, was hat dich da beeinflusst. Und das war für mich wichtig, weil ich mich da das erste Mal reflektiert habe und geschaut habe, was für Themen schleppe ich eigentlich mit mir rum, um auch dieses Mobbing-Thema von damals als solches zu adressieren und zu merken, so gut wie ich mir einrede, hab ich das eigentlich nicht weggesteckt. Hab dann versucht, eine Psychoanalyse zu machen, hatte da aber einfach nicht so eine schöne Erfahrung, weil die Frau noch in Ausbildung war und sehr überfordert mit dem Thema BDSM war. Das war einfach nicht cool. Und dann hab ich beschlossen, nee, auf so was hab ich keine Lust mehr. Ich mache eine Verhaltenstherapie, weil das sind dann quasi die Therapeuten, die wirklich gucken, was kannst du denn aktiv an deinem Verhalten ändern, um besser mit dem Problem klarzukommen.
Sebastian Du hast das jetzt eben gerade so lapidar in einem Satz gesagt und das ist ja eigentlich der spannende Punkt. Du hast von BDSM erzählt in der Therapie. Allen Therapeuten? Okay, das ist jetzt der schöne Schnitt. Das sind jetzt drei insgesamt. Die Junge, die überfordert war, der Tiefenpsychologe und der, die Verhaltenstherapeutin. Erstmal, warum erzählt man von BDSM und wie haben die reagiert?
Julia Warum man davon erzählt, das ist eine gute Frage. Ich habe irgendwann beschlossen, als ich einfach auch mit meinem Partner mehr gemacht habe, das ist ein Teil von mir und ich möchte da einfach auch offen zu stehen. Ich hab mich dann auch in meinem Freundeskreis irgendwann geoutet, hab gesagt, ich mag das. Und tatsächlich hab ich das teilweise gemacht, nachdem ich diese nicht so schöne Erfahrung mit der Psychoanalytikerin hatte. Weil ich da einfach viel verarbeiten musste danach. Ich weiß gar nicht, warum ich's dem Tiefenpsychologen erzählt hab. Ich glaub, Tiefenpsychologen bohren auch gerne nach sowas, nach sexuellen Erfahrungen und keine Ahnung. Und ich hab's dann irgendwie erzählt und er war schon ein etwas älterer Herr, aber für ihn war das irgendwie so, ja, es ist okay, wie sie das da machen. Also machen sie mal. Er hatte da auch die, also er hatte da... Glaube ich nicht die beste Meinung zu, aber es war okay für ihn, also gut genug.
Sebastian Neutral.
Julia Genau, relativ neutral.
Sebastian Okay, die Junge überforderte, um sie mal so zu nennen, also auch da, also warum erzählt und wie ist die damit umgegangen? Also mir geht es wirklich so ein bisschen um, wie kink-aware sind die?
Julia Da hab ich's erzählt, weil ich hab mich relativ stark mit Psychoanalyse vorher beschäftigt. Ich hab da schon vorher Zweifel dran gehabt, ob ich das so gut finde, weil das ist auch einfach ein Therapieverfahren, was teilweise nicht so wirklich erprobt ist. Freud hat damals irgendwie gesagt, das ist so, und er hat sicherlich einen großen Beitrag dazu geleistet, dass reden über Probleme hilft, das muss man ihm lassen. Alles andere sehe ich da schwierig. Aber ich hab trotz dieser Bedenken gedacht, ich glaub, es tut mir ganz gut, mal wirklich viel über meine Vergangenheit zu sprechen. Das macht eine Psychoanalyse ja. Aber in der Psychoanalyse geht es halt auch viel um Sexualität. Und ich hatte dann insgesamt fünf Vorgespräche mit dieser Therapeutin. Das sind halt dann auch relativ viele, so um zu gucken, ob das passt für einen selber, eine Psychoanalyse zu machen. Und ich dachte, okay, irgendwann wird das Thema eh aufkommen. Dann will ich jetzt auch im Vorgespräch schon wissen, ob sie damit klarkommt. Und dann habe ich ihr halt auch gesagt, naja, was halt, dass ich BDSM lebe und damit auch überhaupt kein Problem habe und dass das für mich was Schönes ist, dass ich aber einfach jetzt ihr das auch so offen kommunizieren möchte, damit sie weiß, woran sie da ist für die Therapie. Daraus hat sie mir dann gedreht: Sie scheinen ja ein ganz großes Problem damit zu haben, weil das für sie irgendwie ja so ein großes Thema ist und ganz abnormal. Und deshalb sind sie nicht für eine Psychoanalyse geeignet.
Sebastian Boah, okay, hat sie das direkt und schnell geschlussfolgert oder erst später?
Julia Nee, tatsächlich hat sie das erst später geschlussfolgert. Ich wurde dann nochmals zu einer Sitzung mit ihr eingeladen, wo sie mir das gesagt hat und als ich dann, ja das hat mir halt voll vor den Kopf gestoßen und ich bin eh ein Mensch, ich weine, wenn ich mich freue, ich weine, wenn ich überfordert bin, ich weine, wenn ich wütend bin, ich hab halt erstmal geheult und dann guckte sie mich auch so an und meinte, jetzt weinen sie ja. Ja, weil mich das gerade sehr getroffen hat.
Sebastian Es ist wie ein Versuchslabor, es weint jetzt, notieren wir jetzt. Ich habe mir gedacht, okay, vielleicht glaubt man das ja, das ist ja die Fachperson und wenn die sagt, sie haben ein Problem damit und das ist nicht gut für sie. Dann denkt man ja zumindest darüber nach, dass das vielleicht stimmen könnte. Weil man möchte ja auch Hilfe von dieser Person. Also inwieweit hast du das für voll genommen?
Julia Gar nicht so dolle. Im ersten Moment hat es mich total getroffen. Ich hatte das Glück, dass ich zu dem Zeitpunkt aber auch noch Sitzungen mit dem Tiefenpsychologen hatte. Und ich konnte ihm das relativ schnell erklären. Und er hat das für mich auch so ein bisschen gerade gezogen und meinte, naja, ich glaube, Sie haben diese Person einfach damit überfordert. Also es war wirklich so, ich hatte ihr das gesagt und sie wusste gar nicht, wofür BDSM steht, die Abkürzung. Ich habe ihr das dann erklärt und ich glaube, das war für sie einfach krass, weil sie damit null Berührungspunkte hatte. Und das hat für sie, glaube ich, wirklich eine sehr krasse Abnormität dargestellt, so etwas zu haben.
Sebastian Ich stelle mir gerade vor, das ist so ein bisschen wie dieses, was weiß ich, ich gehe zum Therapeuten und sage dem, dass ich gerne, was weiß ich, kleine Säugetiere quäle, ja? Dann steht die Person auch da und sagt, um Gottes Willen, ne? Und wenn man BDSM nicht einordnen kann, wir wissen ja als, also ich als Podcaster weiß ja inzwischen auch, dass das in der Ausbildung nicht vorkommt. Also Sexualität generell kaum vorkommt, hart, aber dann ist es ja wirklich ein Glück, dass du noch den anderen hattest, der das so ein bisschen einordnen konnte für dich.
Julia Ja.
Sebastian Also der quasi dich von der Therapeutin kuriert oder davon wegthera... Oh Gott. Also schwierig, ne? Also man unterstellt ja keinen Vorsatz an der Stelle, aber es ist natürlich ein Kracher, ne?
Julia Ja, also ich muss sagen, ich verstehe, dass sie überfordert war. Ich bin auch ein sehr empathischer Mensch. Ich kann mir das vorstellen, dass das für sie krass war. Ich finde ihr Verhalten trotzdem nicht sehr professionell, wie sie das gemacht hat. Das muss ich auch sagen. Ich hatte allerdings Glück, weil ich zu dem Zeitpunkt, glaube ich, auch einfach schon viele Podcasts gehört habe. Wahrscheinlich auch schon deinen und einfach schon sehr gefestigt war in dem Thema und wusste, nö, das ist nicht unnormal. Das machen relativ viele. Und deshalb hat es mich nicht so getroffen. Ich brauchte dann aber eine Zeit, um zu überlegen, was will ich denn jetzt machen? Und dann war für mich halt klar, ich gehe den Weg der Verhaltenstherapie, weil da sollte sowas eigentlich eh überhaupt gar keine Rolle spielen.
Sebastian Aber auch dort hast du erzählt, es gibt BDSM.
Julia Korrekt. Allerdings, weil dieser Therapeut natürlich, ich habe dann natürlich meinen bisherigen Therapieweg erklärt und er wollte wissen, warum jetzt doch nicht Psychoanalyse? Und dann dachte ich, naja, Therapie ist halt schon ein Ort, wo ich sehr ehrlich sein sollte und ich kann jetzt nicht hier schon anfangen, irgendwie rumzudrucksen. Und dann habe ich ihm das so dargelegt. Und seine Reaktion war eine sehr coole, wie ich finde, weil er meinte, ich finde nicht, dass sie ein Problem mit ihrer Sexualität haben. Ich sehe, dass das etwas ist, was ihnen sehr gut tut und worauf sie sehr stolz sind. Und ich denke, das sollten sie sich unbedingt beibehalten. Und damit war das Thema gegessen. Und nur in Punkten, wo ich es vielleicht noch mal selber angesprochen habe, haben wir darüber geredet. Aber ansonsten war das für ihn so etwas, da ist kein Leidensdruck, das ist alles cool, sie lebt das so aus, wie sie das möchte und dabei hat er es belassen.
Sebastian Ja, das finde ich toll, wenn das so funktioniert. Ich kenne Menschen, die auch alle möglichen Arten der Psychotherapie durchlaufen haben, die dann aber auch teilweise gesagt haben, ja, ich gehe jetzt seit sechs Jahren zu diversen Therapeuten. Nein, das mit BDSM, das habe ich nie irgendwo erwähnt. Und wo ich dann auch immer dachte, also mein Impuls war damals immer dieses, das ist schon ein wichtiger Teil deines Lebens und wenn du da alles auf links krempelst, wie geht das überhaupt, dass du das aussparst, das ist ja eine Höchstleistung diesen Bereich wegzulassen. Wahnsinn. Da wird man ja psychisch krank von, wenn man das immer sich drumherum erfinden muss, also schwierig. Ich finde es toll, dass du an der Stelle gesagt hast, okay, dann passt das da nicht, dass du da nochmal Background hattest, der das einordnen konnte für dich und dass du dann jemand gefunden hast, der sagt, passt. Und das hoffe ich, dass das immer häufiger und immer mehr so ist, dass die ganz Junge allerdings da die Berührungspunkte nicht hatte, ist natürlich zu entschuldigen, klar, weil noch jung dabei, da kann man noch nicht alles. Aber dass auch das ältere Semester da sagen konnte, ist okay, das finde ich, ist schon mal ein gutes Zeichen.
Julia Absolut. Also das auch nicht eben so über zu dramatisieren, ich glaube, das ist wichtig.
Sebastian Jetzt hast du die Verhaltenstherapie gemacht und ich sage mal so, du sitzt hier und letztes Jahr saßt du nicht hier. Das hat ja alles miteinander zu tun, da du jetzt hier sitzt, glaube ich, oder vermutmaße ich, das hat funktioniert.
Julia Ja, das stimmt. Ich habe die Verhaltenstherapie irgendwann abgeschlossen. Ich habe gelernt, mit meiner Angst umzugehen. Habe gelernt, das neu zu bewerten und merke, dass ich in Phasen, die stressig sind, immer noch anfällig dafür bin. Und auch letztes Jahr gab es eine Phase, die sehr intensiv war, wo ich dann einfach gemerkt habe, das geht gerade nicht. Wo ich dann aber auch eben die Option hatte zu sagen, ich mache jetzt noch mal ein paar Sitzungen und rücke das wieder gerade. Und auch das habe ich gelernt. Wann kann ich mir selbst helfen? Wann übersteigt das gerade meine eigenen Kompetenzen? Wann brauche ich doch mehr? Und das hat gut geklappt. Und ich merke, dass ich jetzt immer weniger mit der Angst im Alltag Probleme habe, weil ich sie endlich als genau das einordnen kann. Also ich kann sagen, wenn diese Angstsymptome auftreten, dann ist es nicht so, was passiert hier? Oh mein Gott, sondern es ist so ein Ach, okay, das ist jetzt gerade Angst. Das ist okay. Und dadurch verschwinden sie einfach auch schneller, weil ich gelernt habe, mich selbst da so ein bisschen zu beruhigen.
Sebastian Jetzt versuche ich natürlich. Also nein, erst mal herzlichen Glückwunsch, dass das gelungen ist.
Julia Danke.
Sebastian Jetzt ist natürlich die Frage, Angst und BDSM. Demnach müsste ja jetzt alles, was mit Angst zu tun hat, entweder ein Tabu sein, Oder es geht so ein bisschen Richtung neuer Kink. Also irgendwie weit gibt es da Zusammenhänge?
Julia Mein Therapeut hat das immer den kontrollierten Kontrollverlust genannt. Und das ist etwas, mit dem mein Partner und ich auch ganz gerne spielen. Also ich gebe ja beim BDSM schon die Kontrolle ab und natürlich ist das was, was für meine Angst ganz furchtbar ist, nicht die Kontrolle über Situationen zu haben. Aber in diesem Rahmen passiert das ja im Konsens, im gemeinsamen Einvernehmen und das ist etwas, was da total gut tut.
Sebastian Gibt es nicht vielleicht dann doch die Situation, dass da auch innerhalb der Sessionzeit, dass sich doch ein bisschen was breitmacht? Weil vielleicht trifft dein Partner ja doch vielleicht mal einen Punkt, der die Angst ein bisschen heraufbeschwört. Da kann das ja alles noch so kontrolliert sein, weil das ist ja erst mal nicht so rational alles. Also wie kannst du damit umgehen? Also die Frage ist, müsstest du Angst vor BDSM haben in irgendeiner Form oder müsstest du vorsichtig sein? Oder ist das alles überhaupt nicht der Fall?
Julia Vorsicht ist, glaube ich, immer gut. Aber ich würde sagen, dass ich jetzt beim BDSM-Ausleben nicht mehr Vorsicht haben muss als sonst im Alltag. Weil ich weiß einfach, eine generalisierte Angststörung sucht sich einfach Punkte manchmal. Und das ist halt jetzt mein Job, den ich durch die Therapie gelernt habe, meinem Gehirn zu versichern. Das ist gerade kein Angstpunkt. Das kann beim BDSM sicherlich genau so mal passieren wie auch irgendwo anders. Aber ich glaube, beim BDSM ist halt noch das Gute, dass ich da relativ, also das ist vielleicht allgemein, was mir immer sehr hilft, was ich gelernt habe in der Therapie, ist eine Handlungsunterbrechung. Wenn man, wenn die Angst anfängt, sich breit zu machen, ist es immer hilfreich, die Handlung, die man gerade macht, kurz zu unterbrechen, um dem Kopf zu signalisieren, hier, guck mal, wir machen was anderes, du brauchst gar keine Angst mehr haben. Und das geht natürlich relativ schnell, wenn ich signalisieren würde, hier, ist vorbei, dann würden wir das ja unterbrechen. Und dann könnte ich da auch relativ schnell wieder rauskommen. Ich überlege gerade schon die ganze Zeit, ob es so eine richtige krasse Situation mal gab. Es gab bestimmt welche, wo ich mal gesagt habe, okay, das war jetzt einer zu viel. Aber es hat nicht dazu geführt, dass ich daruch jetzt Angst vorm BDSM gekriegt habe. Das war immer eher so ein Lerneffekt. Okay, das war jetzt einer zu dolle, da müssen wir vielleicht beim nächsten Mal aufpassen.
Sebastian Kann ich wirklich nur noch mal gratulieren. Entspannt eventuell ist auch wirklich der Begriff Safe Space BDSM auch mit einer Angststörung ein Safe Space.
Julia Ja, total.
Sebastian Punkt. Liebes Publikum, das muss jetzt nicht auf alle und immer zutreffen, aber das ist eine Möglichkeit und ich finde das schön, dass du das heute hier zeigst.
Julia Danke.
Sebastian Wollen wir wieder thematisch ein bisschen leichter werden?
Julia Ja, gerne.
Sebastian Ich weiß, es gibt Dinge der Woche.
Julia Ja.
Sebastian Ich würde gern eins sehen.
Julia Okay.
Sebastian Und vielleicht sogar anfassen. Und ich war vielleicht sogar kaputt... Nein, das mache ich nicht. Deine Tasche ist hier, ich gebe sie dir mal.
Julia So, perfekt.
Sebastian Okay.
Julia Es sind etwas außergewöhnliche Dinge.
Sebastian Oh, das ist immer gut. Außergewöhnlich ist immer gut.
Julia Ich weiß jetzt gerade nicht, ob ich...
Sebastian Hast du eine durchsichtige Folie?
Julia Ich habe die da reingeschmissen, die Sachen. Das ist nur die Tüte.
Sebastian Ja.
Julia Ich weiß nicht, womit wir anfangen. Ich gebe dir mal das.
Sebastian Ich kriege ein Fläschchen.
Julia Ja.
Sebastian So, ich habe hier eine Fläschchen mit Heilusan, japanisches Minzöl, ach, ist ja was sehr schönes. Ich öffne es mal. Das ist toll, von dem Zeug hört man immer wieder. Ich rieche mal dran. Oh ja, wie in der Kindheit. Da ist ein Tröpfchen mir auf meinen Arm gekommen. Ja, Minzöl. Minzöl. Wir driften also in den Bereich Tunnelspiel rate ich mal.
Julia Ja, korrekt.
Sebastian Davor hätte ich jetzt Angst. Tunnelspiel und Minzöl. Wer von euch beiden ist auf die Idee gekommen, mit Minzöl rumzuhantieren?
Julia Das war ich.
Sebastian Du hast das Zeug auch einfach mal besorgt.
Julia Ich hatte das tatsächlich, weil ich früher immer ziemlich heftige Erkältungen hatte und das stand einfach noch rum. Und dann dachte ich, ja, ich glaube, das wird seinen Zweck auch für andere Dinge erfüllen.
Sebastian Okay, das heißt, du hast ihn gehorsamst auf Ideen gebracht?
Julia Ich habe davon gehört, von Tunnelspielen, und dachte, das klingt interessant. Und dann habe ich halt erzählt und meinte, hm, könnte man sich ja mal vorstellen, oder? Und dann war er auch da sehr begeisterungsfähig und das war ganz gut.
Sebastian Tunnelspiele sind ja so die Sache, auch seine Kontrolle hat Grenzen. Der Safe Space wird quasi auf verschiedenste Arten torpediert, erst mal vielleicht die Frage, wo und wie wirkt es denn bei dir?
Julia Das wirkt tatsächlich auf den Schamlippen meistens und am Anfang hat er es verdünnt aufgetragen, wir haben uns sehr vorsichtig dran getestet, was gut war. Inzwischen, wenn er Lust hat, halt auch unverdünnt.
Sebastian Okay, es brennt, es tut weh?
Julia Es brennt. Das Minzöl, wir haben jetzt verschiedene Dinge inzwischen, man entwickelt sich ja immer weiter. Das ist halt auch sehr kalt. Das ist ein sehr krasses Gefühl und ich mag auch einfach allgemein an Tunnelspielen, also je nachdem mit was man spielt, aber gerade bei dem ist es so, man macht es drauf und im ersten Moment ist man so, und irgendwann entfaltet es dann diese Wirkung und dann dieses nicht zu wissen, wann ist die denn jetzt weg und dann hat man das Gefühl, oder seine Lieblingssache ist ja auch zu fragen, und, wird weniger? Und dann sag ich ja und dann kommt halt die nächste Runde drauf.